Rolex Deep-Sea Special

Die wahrscheinlich grösste Datumslupe der Welt

Hinweis: Den Artikel zur 2008 lancierten Rolex Sea-Dweller Deepsea finden Sie hier / den zur 2012 eingesetzten Deepsea Challenge hier.

Rolex_Vintage_Deepsea_Special_36_Front_Beyer_2014Am 29. Februar 1952 wandte sich Rolex mit einem ganz besondern Gesuch an den Schweizer Physik-Professor Auguste Piccard: Man wollte ihm auf seinen bevorstehenden Tieftauchversuchen mit dem Bathyscaphen „Trieste“ eine speziell angefertigte Uhr zur Seite stellen, die – an der Aussenwand des ungewöhnlichen Tauchgefährts befestigt – schon ein Jahr später beweisen sollte, dass für eine Oyster keine Herausforderung zu gross war, wenn es um deren bereits legendäre Dichtigkeit ging. Und so wurde dieses Sondermodell in den folgenden Jahren zur ersten (und bis 2012 auch einzigen) Uhr, die sukzessive bis auf eine Tiefe von 10916 Meter versenkt worden war. Selbstverständlich dürfte dabei (nebst Vergrösserung des Firmen-eigenen Entwicklungs-Know-hows sowie der erwarteten verkaufsfördernden Rekordfahrt) die Lancierung der ersten Taucheruhr, der Rolex Submariner im Jahr 1953/54, eine nicht zu unterschätzende Rolle bei diesem technischen und finanziellen Wagnis gespielt haben, obwohl die gelegentlich auch als „Deep-Sea Special“ bezeichnete Uhr erst 1954 an der Basler Uhren- und Schmuckmesse öffentlich ausgestellt wurde.

Aber zurück zu den Anfängen: Die Entwickler bei Rolex gingen ursprünglich von der Annahme aus, die Uhr müsse kugelförmig (mit geschätzten 40 mm Durchmesser) konstruiert sein, um die Torturen möglichst unbeschadet zu überstehen. Es entstand jedoch (abgesehen von Grösse, Glas und Boden) eine eher traditionelle aufgebaute Uhr, die in erster Instanz durch die Zürcher ETH auf ihre Druckfestigkeit geprüft wurde:

Rolex_Vintage_Deepsea_Special_36_Profile_Beyer_2014

Die Versuche verliefen zufriedenstellend, und bereits am 30. September 1953 konnte der erste richtige Erfolg gefeiert werden: Vor der Insel Ponza im tyrrhenischen Meer unternahmen sowohl die Trieste als auch die an der Aussenhülle befestigte Rolex (mittlerweile getestet bis 600 Atm.) ihren ersten Tauchgang auf die Rekordtiefe von 3150 Meter. An Bord waren sowohl Auguste Piccard als auch sein Sohn Jacques. (Anmerkung: Eine einmalige Steigerung, hält man sich vor Augen, dass das Duo auf dem ersten Tauchgang mit dem selbst entwickelten Bathyscaphen eine Tiefe von 8 Meter verzeichnet hatte. Der zweite Tauchgang endete in 11, der dritte in 40 Meter Tiefe. Dann ging es direkt auf 1000 Meter runter.)

Am 8. Oktober erhielt Rolex das denkwürdige Telegramm von Piccard, welches den glücklichen Ausgang des Experiments mit den Worten…

„Votre montre a parfaitement résisté à 3150 m“ (Ihre Uhr hat 3150 Meter perfekt widerstanden)

…bestätigte.

Der grösste Erfolg sollte jedoch noch rund 7 Jahre auf sich warten lassen: Am 23. Januar 1960 nämlich tauchten Jacques Piccard (damals 37) und Don Walsh (mit 28 Jahren Leutnant und erfahrener U-Boot-Fahrer der Navy) im Pazifischen Ozean auf die errechnete Rekordtiefe von 10916 Meter im Marianengraben, der sogenannten Challenger-Tiefe ab – und stiessen dadurch zu einer der tiefsten bekannten Stellen der Weltmeere vor.

Trieste_Navy_Museum_Washington_2014

Die Navy hatte das ungewöhnliche Gefährt zwischenzeitlich für 250’000 Dollar für ihre eigenen Tiefsee-Experimente gekauft, was die Begleitung durch Walsh erklärt (aus diesem Anlass wurde er übrigens kurzzeitig mit dem Titel ‚COMBATHPAC – Commander of Bathyscaphe, Pacific‘ bedacht). Piccard selbst wurde nur wenige Tage vor der Fahrt als Teilnehmer bestätigt, nachdem die Navy ursprünglich Walsh und den wissenschaftlichen Direktor des auf den Namen „Nekton“ getauften Projektes, Andreas B. Rechnitzer, vorgesehen hatte.

Der geschichtsträchtige Abstieg dauerte 4 Stunden und 43 Minuten, um 13.10 Uhr setzte die Trieste am Boden auf (und wirbelte dabei ziemlich viel Sediment auf). Die beiden Pioniere schüttelten sich die Hände, Jacques Piccard rollte eine Schweizer Flagge aus und Don Walsh tat es ihm mit einer (bedeutend kleineren) amerikanischen nach. Der eigentliche Aufenthalt am Grund fiel dann jedoch kürzer aus als geplant: Nach 20 anstelle von 30 Minuten entschied man sich für einen möglichst raschen Aufstieg, nachdem sich beunruhigende Risse im Glas gebildet hatten.

Trieste_Pellets_Navy_Museum_Washington_2014Walsh und Piccard leerten dazu die beiden mit Pellets (siehe Abbildung) gefüllten Ballasttanks vor und hinter der Stahlkugel und erreichten nach 3 Stunden und 32 Minuten wieder die Wasseroberfläche. Und mit ihnen auch die Rolex, die soeben erfolgreich einen Druck von 1150 Atm. ausgehalten hatte.

Der Pioniertat waren schon einige nicht minder spektakuläre Tauchversuche vorangegangen, z.B. auf 5500 Meter (November 1959) und 7000 Meter, bei welchen die Rolex ebenfalls schon erfolgreich zum Einsatz gekommen war. Viel bedeutsamer dürfte selbstverständlich der damit erbrachte Beweis gewesen sein, dass sich in dieser Tiefe noch Leben finden liess, aber hier geht’s ja in erster Linie um die Uhr.

Einen Tag nach dem Rekord-Tauchgang im Pazifischen Ozean erhielt Rolex das wahrscheinlich heiss erwartete Telegramm mit den Worten…

„Content vous annoncer votre montre aussi précise a onze milles metres quen surface – Meilleures Salutations Jacques Piccard“ (Freue mich, Ihnen anzukündigen, dass Ihre Uhr auch in elftausend Meter so präzis ist, wie an der Oberfläche…)

Damit endete zwar die aktive Karriere der Ausnahme-Uhr, nicht aber deren Funktion als Botschafterin: beispielsweise wurde „the ‚bathyscaphe‘ watch“ werbewirksam in Anzeigen…

„This Rolex Watch spent 20 Minutes on the Pacific Ocean Floor, 35.797 Feet down, and came up ticking!“

…inszeniert, und auch im Schweizer Pavillon an der Messe Tokyo im Jahr 1967 neben der Everest-Explorer und Gemini-Speedmaster im Sektor „Tradition und Forschung“ gezeigt. Und bis heute trifft man die Uhr immer wieder in Ausstellungen an, darunter im MIH in La-Chaux-de-Fonds (2003, 2014), für die Fondation de la Haute Horlogerie (bspw. am Salon QP im 2013), im Verkehrshaus Luzern (2014), oder permanent im Museum der Beyer Chronometrie.

Rolex_Vintage_Deepsea_Special_36_Dial_Beyer_2014

Insgesamt wurden vermutlich zehn Modelle für den „Ernstfall“ hergestellt, wobei jedoch unklar bleibt, wie viele zusätzliche Uhren als einzeln nummerierte Nachbauten für ausgewählte Konzessionäre abgegeben wurden (was die Existenz des hier mehrheitlich gezeigten Modells in Bi-Color erklären könnte, nachdem für das Experiment eigentlich ein Stahlmodell verwendet wurde). Somit ist ebenfalls unbekannt, ob es sich bei den unterschiedlichen ausgestellten Uhren – wenn auch unrealistisch – eventuell um eines dieser zehn vermuteten Exemplare handelt.

Zählt man weitere, zum Teil leicht unterschiedlich konstruierte Exemplare (Höhe des Glases variiert bspw.) in Museen dazu, darunter zumindest zeitweise das MIH, der SalonQP im 2012 mit der Nummer 1, Beyer mit der Nummer 36, die Versuchsmodelle der einzelnen Tauchgänge sowie ein paar bisher in Auktionen aufgetauchte Stücke (darunter die Nummern 31 und 35), bleibt die tatsächliche Anzahl Uhren wohl weiterhin ein Geheimnis. – Sollte jedoch beim einen oder anderen Leser überraschend noch eine auftauchen: Mit über 300000 DM resp. 60000 Pfund Auktionserlös (2009 bereits USD 438’080.00) könnte schon jetzt der Champagner kühl gestellt werden.

Aber zurück auf den Boden der Realität: Jacques Piccard und Don Walsh sollten die ersten und bis zum Zeitpunkt dieses Artikels auch letzten Personen gewesen sein, die eine Tauchfahrt in diese Tiefe unternahmen. Und es sollte bis zum Jahr 2012 auch kein anderes Tauchgefährt geben, das in diese Tiefen hätte vorstossen können. Und notabene auch keine vergleichbare Uhr.

Trieste_Alvin_Navy_Museum_Washington_2014Entsprechend blieb die Trieste noch etwas länger im Einsatz der Navy: So spielte sie beispielsweise eine zentrale Rolle bei der Lokalisierung der gesunkenen USS Thresher im Jahr 1963. Insgesamt wurden mit der Trieste 128 Tauchgänge bis zur Ausserdienststellung im selben Jahr unternommen. Sie kann derzeit in der permanenten Ausstellung des Navy Museums in Washington besichtigt werden.

Trieste_Bathyscaphe_Deutsches_Museum_2011

Einen Blick ins Innere des Bathyscaphen ermöglicht indes der Besuch des Deutschen Museums in München: Dort befindet sich ein (nicht ganz korrekter) Nachbau der unteren Kugel, und in ihm auch ein paar weitere zeitmesstechnische Zeitzeugen, wie ein Chronometer von Movado und zwei Stoppuhren von Longines, die direkt mit den beiden Ballasttanks gekoppelt waren:

Trieste_Longines_Stopwatches_German_Museum_Munich_2012

Übrigens: die erwähnte Flagge Piccards befindet sich seit 2014 im Verkehrsmuseum Luzern, gemeinsam mit einem Stahl-Modell der Deepsea-Special:

Rolex_Deepsea_Special_SS_Front_2_Verkehrshaus_2014

 

 

Update (03/2012):

Rolex_Sea-Dweller_Deepsea_Challenge_12000m_MIH_2014Neun Jahre nach der ersten Veröffentlichung dieses Artikels im Jahr 2003 sieht logischerweise alles wieder etwas anders aus, aber zumindest der Rekord konnte quasi im Haus behalten werden: Erneut fertigte Rolex mit der 51.4 mm grossen und 28.5 mm hohen Rolex Deepsea Challenge ein Sondermodell an, das sogar bis 15000 Meter wasserdicht bleibt. Diese stärker als Taucheruhr gestaltete Uhr wurde am 26. März 2012 am Roboterarm des Tauchbootes „Deepsea Challenger“ (gesteuert von Hollywoods Regie-Legende James Cameron) auf eine tatsächliche Tiefe von 10898 Meter versenkt.

Das hier gezeigte Modell kam dabei ebenfalls nochmals zum Einsatz, aber dieses Mal im Innern der Tauchkugel. Alle Informationen dazu gibt’s hier.

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