Eine Zeitreise ins Jahr 1953, dem Geburtsjahr der Taucheruhr. Oder etwa nicht?

Während manche Exponenten der Uhrenindustrie heute dazu tendieren, etwas verträumt auf das Jahr 1953 als Geburtsstunde der Taucheruhr zu blicken, sieht die Realität oft trockener aus, wenn man sich tatsächlich die Mühe macht, nebst objektiver Recherche das Ganze auch in den Kontext der damaligen Zeit zu setzen: erstens muss dann nämlich berücksichtigt werden, dass das Tauchen in den 50er-Jahren nur wenigen Hartgesottenen zugänglich war. – Der vor Kälte schützende Neoprenanzug sollte beispielsweise erst 1952 erfunden werden, das bis 100 Meter wasserdichte Rolleimarin-Unterwassergehäuse für die populäre Rolleiflex ging 1954 in Serienproduktion, und die professionelle Vereinigung der Tauchlehrer (PADI) sollte erst ganze 12 Jahre später von zwei Freunden bei einer Flasche Johnnie Walker ersonnen werden. Ergo war der kommerzielle Nutzen aus Sicht der Uhren-Industrie in den 50er-Jahren noch verschwindend gering und der Kundenkreis zu Beginn auf wenige Militär- und Berufstaucher beschränkt. Zweitens steckten Marketing und Medienarbeit in dieser Zeit der dominierenden Schwarz-Weiss-Fotografie in noch kleineren Kinderschuhen als das Tauchen, vor allem bei einem Produkt mit potentiell militärischem Verwendungszweck, und drittens hatte keine Zeitung, kein Radiostudio und schon gar kein Fernsehsender damals Interesse, über ein Produkt, das optisch nicht dem Zeitgeist und der damaligen Mode entsprach, ausgiebig zu berichten. – Ganz abgesehen davon, dass wasserdichte Armbanduhren zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrzehnten von Tauchern eingesetzt worden waren, wenn auch ohne der dafür entwickelten Lünette.

Mit der Marine verfügte Omega über eine besonders wasserdichte Uhr, die bereits in den 30er-Jahren von Unterwasser-Experten mangels Alternative für den Taucheinsatz zweckentfremdet wurde.

Mit anderen Worten: was auch immer im Jahr 1953 in Basel oder sonstwo gezeigt worden war, mediale Wellen hat es damals definitiv nicht geschlagen. Und wenn, dann hätte es – um bei der wasserdichten Uhr zu bleiben – vermutlich eher mit Piccards erstem Rekord-Tauchgang am 30. September 1953 vor der Insel Ponza zu tun gehabt, bei dem sowohl dessen Tauchgefährt Trieste als auch eine aussen befestigte Rolex „Deep-Sea Special“ es auf die neue Rekordtiefe von 3’150 Meter schafften.

Die Taucheruhr – wer hat’s erfunden?

Blancpain legt die Geburtsstunde der Fifty Fathoms auf das Jahr 1953. Entscheidend dabei ist, ob damit die „Serienreife“, „Markteinführung“ oder eine erstmalige „Vorstellung“ gemeint ist.

Immerhin, dank einem überaus seltenen Interview mit „einem der Direktoren der Rolex-Uhren AG, Genf“ in einer Europa Star-Ausgabe des Jahres 1964 ergibt sich folgende Momentaufnahme: „Die erste Rolex-Submariner wurde 1951 geschaffen [oder vielmehr ‚was designed in 1951‘].“ Und dass er [mit grösster Wahrscheinlichkeit René-Paul Jeanneret, der damalige Direktor der Rolex SA] der erste Angestellte des Unternehmens gewesen sei, „der sie bei einem Tauchversuch bis zu 50 Meter Tiefe ausprobierte.“ – Wie gross dabei das nachvollziehbare Wunschdenken (keine internen Versuche davor?) oder die Sachlichkeit (50 Meter? Ein Kadermitarbeiter?) in den 13 Jahren seitdem unter Druck kam, ist im Prinzip irrelevant, für Rolex gilt 1953 als Geburtsjahr der Sub, und es gibt auch genügend Belege dafür.

Jean-Jacques Fiechter auf der anderen Seite, der Blancpain von 1950 bis 1980 als Generaldirektor leitete und selber passionierter Taucher der ersten Stunde war, hatte (u.a. auch wegen eines selbst erlebten Vorfalles unter Wasser) nicht minder früh die Notwendigkeit einer zuverlässigen Armbanduhr für den Unterwassereinsatz erkannt und die Entwicklung einer Taucheruhr bei Blancpain vorangetrieben. Der 2022 im Alter von 95 verstorbene Historiker und spätere Schriftsteller erinnerte sich in einem Dokumentarfilm der Marke aus dem Jahr 2021, mit den praktischen Tests der Fifty Fathoms im Jahr 1952 begonnen zu haben. Umgekehrt gab aber Captain Robert „Bob“ Maloubier ebenfalls zu Protokoll, dass er es gewesen sei, der den Ausschlag für die Entwicklung der Fifty Fathoms gegeben habe, als er mit Claude Riffaud im Jahr 1953 fürs französische Militär die „Nageurs de Combat“ ins Leben rief und erst in Blancpain einen Partner gefunden hatte, der ihm die gewünschte Uhr auch liefern konnte. Dabei wird einmal mehr klar, dass in der Rekonstruktion siebzig Jahre danach nicht nur zwischen Egos, sondern auch unbedingt zwischen „Tests“, „Vorstellung“ und „Markteinführung“ (oder „Einsatz“) unterschieden werden muss, was in der Vergangenheit bereits beim Thema „erster Chronograph mit automatischem Aufzug“ zu einigen Fehldarstellungen geführt hatte und hier, bei einem aus damaliger Sicht praktisch inexistenten „Markt“ und vermutlich nicht erfolgter öffentlicher „Vorstellung“, nicht genug hervorgehoben werden kann. – Besonders, wenn die Geschichte eines Unternehmens aufgrund mehrerer Besitzerwechsel (wie bei Blancpain) oder mangels öffentlich zugänglichem Archiv (wie bei Rolex) an sich eine veritable Herausforderung für Historiker darstellt.

Eine bis 100 Meter wasserdichte Submariner, die von Christie’s auf 1955 datiert wurde.

Etwas besser dokumentiert ist da immerhin das Folgejahr: Die 24. Schweizer Uhrenmesse fand in den Räumlichkeiten der Basler Mustermesse vom 8. bis 18. Mai 1954 statt. Als eine von vielen erwähnenswerten Neuheiten wurden in Publikationen wie dem „Journal Suisse d’Horlogerie“ (dem damals offiziellen Publikationsorgan der Schweizer Uhrenmesse Basel) in diesem Jahr unter anderem die Modelle „Turn-O-Graph“ und „Submariner“ am Rolex-Stand erwähnt, letztere „besonders für den Unterwassersport bestimmt“ und „vollständig wasserdicht bis zu einer Tiefe von 200 m unter Wasser.“ – Das selbe Modell wurde von Rolex kurze Zeit später als „Wirklichkeit“ des „Tauchers Traum“ beworben, unter anderem auch mit den lobenden Worten des Tauch-Pioniers Dimitri Rebikoff (der die Uhr 1953 in seiner damaligen Funktion als „Vize-Präsident des Instituts für Unterwasserforschung in Cannes“ während fünf Monaten auf 132 Tauchgängen getestet hatte): „Sie hat sich als unentbehrliches Hilfsmittel für jedes Tauchunternehmen erwiesen.“ Blancpain (resp. Rayville SA) indes war weder 1953 noch 1954 als Aussteller in Basel zu finden (ihren ersten Auftritt in Basel hatte Rayville mit der Blancpain Fifty Fathoms im Jahr 1956). Das Unternehmen beantragte am 11. Juni 1954 in der Schweiz den Markenschutz für den Namen „Fifty Fathoms“ (Nr. 151378) und reichte am 19. Juni 1954 ein Patengesuch (CH322328DA) ein für „ein Uhrengehäuse mit auf der Zifferblattseite angeordnetem Einstellring.“ – Rolex hatte bereits am 18. April 1953 ein Patentgesuch für die für die Wasserdichtheit der Uhr ausschlaggebende verschraubte Krone eingereicht (CH740123XA).

Fast forward: 1958 sah nicht nur die Unterwasser- sondern auch Uhrenwelt schon völlig anders aus („Le Monde du silence“ von Jacques-Yves Cousteau und Louis Malle wurde bspw. zwischen 1954 und 1955 gedreht und nahm das staunende Publikum ab 1956 mit in die Tiefe): So fasst das selbe „Journal Suisse d’Horlogerie“ mit Blick auf Enicar, Eterna, Leonidas, Omega und Zodiac die Situation an der Messe (12. bis 22. April) folgendermassen zusammen: „Wir bemerkten 6 verschiedene Aussteller, welche Uhren für Unterwasserexpeditionen präsentieren […] Im vergangenen Jahre konnten wir bloss zwei Modelle dieser Gattung ausfindig machen.“ Und blickte dabei auch schon viel optimistischer in die Zukunft: „Wenn die gegenwärtige Tendenz anhält und der Unterwassersport weitere Ausbreitung findet, werden zweifellos auch andere Fabrikanten an der Erschliessung dieser neuen Absatzquelle teilnehmen.“

Immerhin: Enicar dürfte mit der „Sherpa-Dive“ die erste Uhrenmarke gewesen sein, die in Basel Uhren in einem Salzwasser-Aquarium mit lebenden Fischen (Muränen) gezeigt hat.

Viel wichtiger aber: im selben Jahr fand die von „Rayville AG., Villeret Blancpain“ hergestellte, „neue Ausführung der Taucheruhr Blancpain ‚Fifty Fathoms Milspec II’“ wegen ihrer Resistenz gegen „Magnetfelder von über 200 Gauss ohne Beeinträchtigung des Regulierorgans“ nebst Longines, Omega und Patek in einer Rubrik über besonders Magnet-resistente Uhren Erwähnung. – Die Betonung liegt hier vor allem auf „neue Ausführung“ einer Uhr, die in Cousteaus „Le Monde du silence“ einen Auftritt als Nebendarstellerin hatte.

Mit der Bathyscaphe nahm auch Blancpain den zivilen Markt ins Visier.

Während Blancpain im Vergleich zu Rolex bedeutend zurückhaltender in der Schaltung von Anzeigen war (und auch sonst eher selten im Umfeld von Basel-Neuheiten erwähnt wurde), warb die Schweizer Uhrenmarke und deren „spécialistes mondiaux de la montre sous-marine“ in Anzeigen der 60er-Jahre damit, dass man mit der Fifty Fathoms seit 1953 mit grossem Erfolg die rigorosesten Tests bestanden habe, dank militärischem Einsatz bei zahlreichen Ländern, darunter Frankreich, Deutschland, die USA, Italien, Grossbritannien, Schweden, Finnland und Spanien:

„Dès 1953, la Fifty Fathoms affronte avec success les tests le plus rigoureux des marines nationales de nombreux pays, dont: la France, l’Allemagne, les Etats-Unis, l’Italie, la Grande-Bretagne, la Norvège, la Suède, la Finlande et l’Espagne.“

Aus einer Blancpain-Anzeige aus den 60er-Jahren zur Lancierung der neuen Bathyscaphe und Fifty Fathoms „No Radiations“

Auch Rolex legt die Geburtsstunde der von Anfang an stärker auf den zivilen Markt ausgelegten Submariner auf das Jahr 1953 fest, mit dem zunächst nur bis 100 Meter wasserdichten Modell:

„Launched in 1953, the Submariner was the first divers’ wristwatch waterproof to a depth of 100 metres (330 feet). Just a year after its launch, its waterproofness was increased to a depth of 200 metres (660 feet)“

Rolex Newsroom

Kurz gesagt: Taucher griffen notgedrungen schon seit den 30er-Jahren auf wasserdichte Armbanduhren zurück, dank Interesse seitens Militär und später der Tauchindustrie wurden die Bemühungen in den 40er- und 50er-Jahren zaghaft intensiviert, was anfangs der 50er-Jahre zu besonders dichten Gehäusen, gefolgt von Taucheruhren mit dem charakteristischen Drehring führte. Sowohl Rolex als auch Blancpain waren unbestritten Pioniere auf diesem Gebiet, wobei Rolex konsequenter auf den gesamten Taucher-Markt abzielte und sich Blancpain mit der Fifty Fathoms erstaunlich lange im militärischen Einsatzbereich bewegte. Dass in den 50er-Jahren keines der beiden Unternehmen über Nacht eine passende Uhr aus dem Ärmel geschüttelt hatte, sondern erst ein Produkt entwickeln und in einer sehr überschaubaren Gruppe von Tauchexperten rumreichen musste, liegt dabei auf der Hand.

Mit der offiziell im Jahr 1970 eingeführten Seamaster 600 „PloProf“ (PLOngeuer PROFessionel) legte Omega nach vier Jahren Entwicklungszeit den Grundstein für eine von Grund auf neu konzipierte Gattung professioneller Taucheruhren. In der Praxis getested wurde das Modell dementsprechend bereits einiges früher. Selbst die jüngste, 2023 erstmals vorgestellte Variante der Uhr wurde erst 2024 ausgeliefert, was eine korrekte Datierung auch bei neuen Uhren noch immer erschwert.

Die tatsächliche Blütezeit der mechanischen Taucheruhr sollte ohnehin erst in den 60er-Jahren beginnen: die massiv wachsende Popularität des Tauchsports und neue Anforderungen aufgrund des Sättigungstauchens führten auch in der Uhrenindustrie zu einer „goldenen Ära“ der für den Unterwasser-Einsatz entwickelten, wasserdichten Uhr – die zum Teil von Null auf neu konzipiert werden mussten und weit über die eigene Produktsparte hinaus zu einem Innovationsschub bei Konstruktion und Materialien führte.

Mehr dazu gibt’s hier.