Aquastar Benthos

Sleeping Beauty

Vergangenheitsbewältigung mit Erinnerungslücken: 1962 entstand in Genf das Unternehmen Aquastar. Gemäss Fachmagazinen und Patent-Einreichungen dieser Zeit nicht nur in sehr enger rechtlicher Verbindung mit dem damals ebenfalls in Genf ansässigen Uhrenhersteller JeanRichard, sondern als deren Ablösung. – JeanRichard hatte bereits 1958 ein erstes Patent für eine Uhr mit Drehlünette eingereicht und kurze Zeit später Uhren mit der Bezeichnung JeanRichard/Aquastar präsentiert, bis die Marke dann für die kommenden Jahre vollends in Aquastar aufging.

Treibende Kraft hinter Aquastar dürfte Frédéric Robert gewesen sein, der sich bereits als Taucher der ersten Stunde einen Namen gemacht hatte. Und – noch wichtiger – der bereits über wichtige Kontakte zur Szene verfügte. Mehr hierzu später.

Aquastar hatte sich von Anbeginn das einzigartige Ziel gesetzt, ausschliesslich Tauchinstrumente in den folgenden vier Bereichen anzubieten: Zeitmessung, Tiefenmessung, Orientierung und Temperaturmessung. Die Kollektion war dementsprechend in diese vier Gebiete unterteilt, wobei ab 1973 auch Uhren für den Segelsport hinzukamen (was nebst der Nähe zum nassen Element auch deshalb nicht ganz überrascht, da Frédéric Robert im Jahre 1948 Schweizer Meister im Segeln geworden war). Es handelte sich hierbei um Modelle unter dem Namen Regate, die mit der damals Heuer-üblichen 10 Minuten-Countdown-Anzeige ausgestattet waren.

Aquastar_Group_Shot_Front

Bei den Taucheruhren nahmen die Linien Atoll, Seatime und Benthos (Benthos = gr. „Tiefe“, resp. Begriff aus der Biologie für die Tier- und Pflanzenwelt des Meeresbodens – darunter auch die Seesterne, welche in mehrfacher Hinsicht Einfluss auf die Marke hatten) einen wichtigen Platz ein, wobei retrospektiv der Benthos-Serie in mehrerer Hinsicht einiges an Respekt gezollt werden darf: Glaubt man den heutigen Aussagen des Herstellers, „dass jede Benthos bis 1000 Meter wasserdicht war“, so könnte die Benthos 500 die erste Taucheruhr gewesen sein, die bis zu einer Tiefe von 1000 Meter eingesetzt werden konnte. Dieser Aussage steht natürlich der Namenszusatz „500“ im Weg, wobei heute und damals schon genügend Uhren eine grössere Wasserdichtheit als die tatsächlich aufgedruckte mitbrachten.

Aquastar_Benthos_500_Caseback

Unbestritten ist hingegen, dass mit 500 Meter Wasserdichtheit im Jahre 1962 bereits ein kleiner Meilenstein in der Gehäuse-Abdichtung erreicht worden war. Wie auch immer: Diese Theorie erübrigt sich erst mit der im Jahre 1974 vorgestellten Benthos I (Ref. 101017) – die in Einschalen-Bauweise gefertigte Nachfolgerin war nun garantiert bis 1000 Meter wasserdicht und verfügte wie die Benthos 500 über den zusätzlichen Minutenzähler aus der Mitte.

Womit wir auch schon beim nächsten Punkt sind: Ebenfalls interessant könnte nämlich die Relation Chronographen-Drücker/Wasserdichtheit sein, beansprucht doch Omega für die 1972 vorgestellte Seamaster 120 (Ref. ST 176.004) den Titel des „ersten bis zu einer Tiefe von 120 Metern bedienbaren mechanischen Chronographen für Taucher“. Leider liess sich aber bis heute kein Dokument finden, dass die Bedienbarkeit der Benthos-Modelle unter Wasser mit einer Tiefenangabe enthält. – Einzig eine Broschüre aus dem Jahre 1972 weist explizit auf eine Bedienung des Chronographen unter Wasser hin.

Aber zurück auf den Boden der gesicherten Tatsachen: Frédéric Robert verliess das Unternehmen just im jenem Jahre, da Aquastar erstmals an der Basler Messe auftrat. 1970 wechselte er zu Omega, um dort eine beratende Funktion bei der Entwicklung der Seamaster-Reihe einzunehmen (und Ähnlichkeiten zwischen der Omega 120 und der hier gezeigten Benthos sind eindeutig vorhanden), Aquastar wurde bislang dreimal verkauft. – Was wohl mit ein Grund dafür ist, dass gesicherte Informationen über die Vergangenheit heute nur spärlich bei Aquastar selbst eingeholt werden können (noch viel desolater präsentiert sich die Situation aber leider bei Ersatzteilen für alte Stücke – die Restauration einer gebrauchten Benthos dürfte sich als schwierig bis eher unmöglich erweisen).

Heute, 40 Jahre nach der Gründung von Aquastar, besteht immer noch ein klarer thematischer Bezug zum Wasser – wenn auch „nur“ noch als Anbieter von Quarz-Uhren im unteren Preissegment via Direktvertrieb.

Erfinderisch

Der Höhepunkt des Unternehmens in Bezug auf Patentanmeldungen lag in den ersten Jahren: Von 1962 bis 1974 wurden zahlreiche Patente, unter anderem für Dekompressionstabellen, Tiefenmesser und Taucheruhren eingereicht – unter den Erfindern finden sich nebst Fréderic Robert auch die in Taucherkreisen nicht ganz unbekannten Namen Hannes Keller und Marc Jasinski.

Die für Uhren-Interessierte sicherlich spannendste und prominenteste Einreichung (Pat. 378232, eingereicht 1962) betrifft den über die Aufzugskrone verstellbaren, erstmals innen liegenden Drehring der Seastar – nach wie vor eine Seltenheit in der Welt der Taucheruhr und eine technisch spannende Umsetzung (aber eher unpraktikabel). Der Vertrieb der Uhr fand in den USA durch Scubapro statt.

Aquastar_Glasstar_Front

Aquastar verstand es vortrefflich, immer wieder an den Grenzen des Bestehenden zu rütteln – z.B. in Form der um 1975 lancierten Glasstar (Ref. 02) – einer mechanischen Taucheruhr, vereinzelt mit Kronen-Verschluss-Anzeige versehen und gänzlich in einem schwarzen Kunststoffgehäuse untergebracht.

Aquastar_Glasstar_Navigator_Panel_Front

Beworben wurde die Uhr in Zusammenhang mit einer ungewöhnlichen Lösung: Die Glasstar konnte in eine rund 15cm lange Modul-Konsole für den Unterarm integriert werden (siehe Abbildung), das fertige Resultat umfasste Kompass, Uhr und Tiefenmesser. Eine identische Anordnung wurde bereits früher einmal angeboten; der hier gezeigte Tiefenmesser (Ref. 111.1) bspw. konnte dort eingesetzt werden.

Interessant dürfte sein, dass bei der gezeigten schwarzen Konsole namens „Navigator Panel“ ebenfalls die Kombination mit der Benthos 500 vorgesehen war, wie sich anhand alter Werbematerialien sehen lässt.

Zur Befestigung am Arm des Tauchers dienten das Uhrenarmband sowie das Band des Kompasses; in der Mitte fix montiert war der Tiefenmesser. Diese Kombination beruhte im Prinzip auf einer Patenteinreichung aus dem Jahre 1959 (also bereits drei Jahre vor Firmengründung), als Erfinder wird erneut Frédéric Robert genannt. Das Patent trägt die Nummer 351225 und führt konsequenterweise nur das Unternehmen JeanRichard auf.

Aquastar_Depth_Gauge_JeanRichard_Front

Die im Patent enthaltene Skizze zeigt übrigens auch noch anders gestaltete Instrumente, darunter der abgebildete Tiefenmesser (Ref. 111.1), als jene, die bei der Jahre später schwarzen Version zum Zuge kamen. Ebenfalls interessant an dieser Patentskizze: Sowohl das gezeigte Thermometer als auch der Kompass weisen bereits eine sehr grosse Ähnlichkeit mit den Band-Zusätzen der hier gezeigten Aquastar Benthos 500 auf.

In wie weit der kreative Einfluss bei der Entwicklung der Benthos 500 von Aquastar selbst kam, lässt sich heute wohl nicht mehr eindeutig eruieren: Zumindest die Uhren von Aquastar stammen nämlich in der Regel von anderen Herstellern – im Falle der Benthos war dies Lemania, die ebenfalls das Benthos-Modell so auf den Markt brachte.

Berücksichtigt man die Tatsache, mit welcher bemerkenswerten Fokussierung und Hingabe bei Aquastar gearbeitet wurde, lässt dies einen ebenso positiven wie starken Einfluss auf die Vertragspartner vermuten. Es bleibt deshalb der etwas schale Beigeschmack, dass wir es im Falle von Aquastar mit einem Hersteller zu tun haben, dessen Bemühungen im Bereich der Tauchinstrumenten-Hersteller ebenso clever wie beachtlich waren. Und der heute leider viel zu stark in Vergessenheit geraten ist.

Der hier gezeigte Tiefenmesser mit drehbarer Lünette zur gleichzeitigen Anzeige von Tiefe und der tiefenabhängigen maximalen Tauchgangsdauer aus dem Hause Aquastar basiert ebenfalls auf einer Erfindung Frédéric Roberts – dem Patent 394658, eingereicht im Jahre 1963. Herstellungsdatum dürfte somit ebenfalls in dieser Zeit liegen. Spezielle Erwähnung verdient ebenfalls der Logo-Zusatz „JeanRichard“ als Zeuge der damaligen Entwicklung.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Praktisch zeitgleich mit Gründung des Unternehmens Aquastar startete die Unterwasser-Forschung in eine ihrer glanzvollsten Phasen. Und in der sehr übersichtlichen Szene der Tauchpioniere fiel es wahrlich nicht schwer, überzeugende Produkte an den richtigen Mann zu bringen: Die Benthos 500 fand laut Hersteller während der zehn Jahre ihrer Herstellung Verwendung bei Précontinent I (1962), II (1963), III (1965) und Sea-Lab sowie durch diverse Marine-Einheiten, Küstenwachen, Öl-Unternehmen und ozeanographische Institute.

Diese Nähe zur Tauchszene ermöglichte übrigens auch, dass bis heute noch vereinzelt ungetragene Exemplare auf den Markt gelangen: In den Lagern diverser Tauchshops überlebt es sich wohl bedeutend einfacher, als in Uhrengeschäften.

Varianten

Wie bereits erwähnt: Sowohl die Benthos 500 als auch die Benthos I waren von Aquastar und unter der Hersteller-Marke Lemania erhältlich (und eventuell noch von Tissot) – den einzigen Unterschied stellt hierbei das verwendete Logo dar (wobei die Lemania-Varianten etwas schwieriger zu finden sind). Zudem gab’s die Benthos 500 als blaue und schwarze Version (erst Genannte heute seltener anzutreffen) – jeweils mit einheitlich gefärbtem Drehring, Zifferblatt und Band. Dass die Lemania-Version der Benthos 500 ebenfalls blau erhältlich war, ist anzunehmen, jedoch nicht belegt. Ebenfalls scheint es, dass zumindest zwei optisch sehr ähnliche aber unterschiedlich konstruierte Grundformen mit leicht unterschiedlichen Gehäusedetails existieren.

Bei den Bändern konnte bislang nur das hier gezeigte Modell gesehen werden – wobei die zusätzlichen Band-Zusätze (Kompass und Thermometer) eher selten zu sehen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass diese beiden Komponenten auch separat angeboten wurden (erst die Benthos I ging mit Stahlband über den Tresen).

Funktion

Der Herstellerkatalog (vermutlich 1972) definiert den markanten zusätzlichen Minutenzeiger als Mittel zur Bemessung von Zwischenzeiten (z.B. Deko-Stopps) – besonders bequeme Zeitgenossen werden ihn aber wohl zur Messung des gesamten Tauchgangs verwendet haben – die Einstellung des Drehrings entfiel somit, und es kam das gewohnte Ablese-Verhalten bei einer Uhr zum Zug. Alles in allem wohl eine der am konsequentesten auf die Bedürfnisse von Tauchern umgesetzten Taucheruhren. – Wurde doch quasi die Funktion eines Chronographen mit der Ablesbarkeit einer Dreizeiger-Uhr kombiniert (und: praktisch kein normaler Freizeit-Tauchgang dauert länger als 60 Minuten).

Aquastar_Benthos_500

Bedient wird der Minutenzeiger über den Drücker bei 4 – und zwar so, dass der Zeiger durch Betätigung des Drückers entweder gestartet oder wieder zurückgestellt wird – nach einer Runde bleibt er automatisch wieder bei 12 stehen. Aus heutiger Sicht liesse sich einzig und allein die fehlende Leuchtmasse am Sekundenzeiger bemängeln, der etwas zu kurze resp. unauffällige Minutenzeiger ist angesichts des zusätzlichen Minutenzählers zu verkraften.

Fazit

Die Benthos 500 ist selbst im Vergleich zu heutigen Taucheruhren ansprechend verarbeitet (auch wenn das Gehäusefinish eher lieblos industriell anmutet). Sie verfügt als Taucherchrono des kleinen Mannes über eine der sinnvollsten Komplikationen im Taucheruhrenbereich, erst noch überzeugend umgesetzt. In Kombination mit den aus heutiger Sicht eher belächelten „Features“ (Thermometer, Kompass) stellt sie ein bemerkenswert umfangreiches Tauchinstrument dar. – Selbst 40 Jahre nach ihrer Vorstellung. Sollte sich zudem die eine oder andere der hier gemachten Spekulationen irgendwann mal bewahrheiten, wäre es spätestens dann mehr als wünschenswert, dass ihr das entsprechende Gewicht in der Fachliteratur eingeräumt werden würde. Oder mit anderen Worten: Diese Uhr dürfte in keiner Sammlung historischer Taucheruhren fehlen, wäre sie (inkl. ihr Hersteller) nicht dermassen in Vergessenheit geraten…

Aquastar_Benthos_500_Blue_2015

 

Technische Daten

Bezeichnung: Aquastar Benthos 500, Ref.: 1002
Produktionszeitraum: 1962 bis 1972
Werk: AS 1902 (Durchmesser 25.6mm, Höhe 4.4 mm) mit 17 Rubinen und Stoss-Sicherung, automatischer Aufzug
Funktionen: Stunden, Minuten, Sekunden sowie ein zusätzlicher Minutenzeiger aus der Mitte zur Messung von Zwischenzeiten (Bedienung über Krone bei 5)
Krone: verschraubt, Drücker unverschraubt
Zifferblatt: Aufgesetzte Stunden-Indexe, mit Tritium-Leuchtmasse beschichtet
Drehring: Einseitig rastend, Leuchtmarkierung bei 12, blaue Bakelit-Einlage
Varianten: Zifferblatt/Band/Drehring in blau oder schwarz
Durchmesser: 43 mm
Höhe: 16 mm

 

Dieser Artikel wurde erstmals im Jahr 2004 veröffentlicht.

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