PRS-2 Dreadnought

Royaume Unis: Douze Points

Anfangs 2002 nahm ein ebenso schwieriges wie spannendes Abenteuer definitiv seinen Lauf: Der englische Online-Uhrenhändler Eddie Platts (Timefactors.com) begann mit der konkreten Realisation eines Taucheruhrenprojektes, nachdem er bereits einigen Erfolg mit der Kleinstauflage einer Fliegeruhr verzeichnen konnte. Im August 2003, rund ein Jahr nach der geplanten Auslieferung, war es dann endlich so weit: Die PRS-2, passenderweise mit dem Zusatz „Dreadnought“ (u.a. „Panzerschiff“) versehen, brachte dem Gentleman aus Sheffield nicht nur unglaublich viel Publicity im Internet, sondern kann abschliessend als Uhrenprojekt eines Uhrenliebhabers für Uhrenliebhaber betrachtet werden, dessen einzigartiges Resultat einiges in den Schatten stellt, was man von mechanischen Taucheruhren namhafter Hersteller sonst gewöhnt ist. Oder mit anderen Worten: Wäre es beim Eurovision Song Contest 2003 um Uhren gegangen, England hätte ganz bestimmt mehr als null Punkte gekriegt. Deutschland übrigens auch, aber mehr hierzu später.

Rufname

Der Online-Uhrenhändler Eddie Platts bietet seine eigenen Uhren unter dem Label „PRS“ an, jeweils gefolgt von der Typennummerierung, in diesem Fall „2“. Die „2“ steht somit für das zweite Modell seiner Tätigkeit als „Hersteller“. Und dass eben diese „2“ einige Zeit nach der mittlerweile erhältlichen PRS-11 (Stand: August 2003) erschien, lässt einiges durchblicken, mit wie vielen Schwierigkeiten und Verzögerungen das Projekt zu kämpfen hatte. Ursprünglich sollte die PRS-2 nämlich bereits im November 2002 fertig gewesen sein. „PRS“ selbst steht übrigens für „Platts“, „Richmond“ und „Spencer“ – die beiden letztgenannten sind jeweils die Mädchennamen seiner Frau sowie seiner Mutter. Bedeutend martialischer wird’s dafür beim Zusatznamen „Dreadnought“: In Anlehnung an das gleichnamige U-Boot der Royal Navy, der HMS Dreadnought, das im Jahre 1962 als erstes nukleares U-Boot des Vereinigten Königreichs die ersten Probefahrten absolvierte und nebst anderen nationalen Rekorden im Jahr 1971 sogar als erstes britisches U-Boot am Nordpol auftauchte (Ausserdienststellung: 1980). Aber auch die HMS Dreadnought erhielt ihren Namen eigentlich in Anlehnung an frühere Schlachtschiffe, wovon insbesondere die zwischen 1906 und 1922 betriebene HMS Dreadnought besondere Erwähnung verdient: durch ihre Bauweise wurde sie nämlich gar Namensgeberin eines ganzen Schlachtschiff-Typs.

Zurück zur Uhr: Mit „Dreadnought“ wurde sicher ein sehr stolzer und nicht ganz unpassender Name gewählt, jedoch ohne direkt erkennbarem historischen Zusammenhang oder realem/offiziellen Einsatz und ist somit in der Kategorie „Breitling B-1 & Co.“ einzuordnen. Dafür verdankt die PRS-2 dem Original die wunderschöne Bodengravur des Dreadnought-Wappens.

Viele Köche, guter Brei

Das Werk: ein bewährtes, anständig finissiertes ETA 2824-2T in attestierter Chronometer-Qualität und mit unbearbeitetem Rotor, Herkunftsland Schweiz. Projektmanagement sowie Gehäuse wurden durch den deutschen Hersteller Fricker (u.a. Sinn, Mühle, Oris, Tutima) übernommen. Und die Chronometer-Zertifikate lassen eindeutig auf eine Beteiligung des aufstrebenden deutschen Traditions-Uhrmachermeisters Dornblüth schliessen (Assemblierung und Prüfung). Eddie Platts schliesslich, quasi als vierter im Bunde, hörte kontinuierlich auf seine zukünftigen Kunden und profitierte von seinem beachtlichen Wissen über Uhren, um eine ziemlich kompromisslose Uhr auf den Markt zu werfen.

Zutaten

Gewölbtes, innen entspiegeltes Saphirglas, Staub-/Magnetschutz sowie antimagnetischer Werkhaltering (was in der Gesamtheit bis 30,000 A/m zulässt), doppelte O-Ringe am Boden, verschraubte Krone mit beachtlichem Kronenschutz, satiniertes Edelstahlgehäuse und -band (beides 316L), mit zweifarbiger Superluminova beschichtete Zeiger und Zifferblatt. Massive, verschraubte, Bandanstösse und -glieder, massive Fliplock-Schliesse mit Tauchverlängerung. Bandanstossbreite 22mm, Durchmesser 44mm, Höhe 15.6mm, wasserdicht bis 500 Meter. Drehring mit gravierter Nummerierung zur Einstellung der Nullzeit, grosszügiges Leuchtdreieck bei 12.

Die Uhr wiegt rund 265 Gramm, davon entfallen allein 150 Gramm auf die Uhr selbst. Zum Vergleich: Eine herkömmliche Taucheruhr mit Stahlband wiegt normalerweise zwischen 100 und 170 Gramm.

Ursprünglich hätte die Dreadnought gar bis 1000 m wasserdicht sein sollen, jedoch hätten die Kosten für eine derartige Entwicklung zu viele Käufer abgeschreckt; alleine das Saphirglas hätte mit berechneten 6mm Dicke jedes Budget gesprengt. Und selbst in der jetzigen Form wurde der ursprünglich kommunizierte Preis noch um 50 Pfund überschritten.

Kleingedrucktes

Wer eine der auf 200 Stück limitierten Dreadnoughts ergattern wollte, brauchte einiges: Erstens musste man bereits Besitzer der PRS-1 Speedbird sein und sich bis zum 31. Juli 2003 für eine Uhr registrieren. Oder hoffen, dass sich nicht genügend Besitzer der klassisch gestalteten Fliegeruhr einfänden, und man sich chronologisch noch innerhalb der 200 registriert hatte. Zweitens brauchte man einiges an sprichwörtlich blindem Vertrauen, um sich anhand von CAD-Plänen und Beschrieben überzeugen zu lassen, wohlgemerkt über Monate. Und schlussendlich brauchte man noch 450 englische Pfund, um Teil der „Dreadnought-Massenhysterie“ zu werden. Schliesslich lief es aber darauf aus, dass sich vorderhand insgesamt 261 Personen registrierten, wovon ein grosser Teil explosionsartig auf den Zeitpunkt der ersten konkreten Fotos entfiel. Rund ein Viertel davon ging nach England, ein Drittel in die Staaten. Der Rest in alle Welt. Und drei in die Schweiz. Übrigens: Unter den Interessenten befanden sich weniger als hundert Besitzer der PRS-1, und nach Bekanntgabe des definitiven Preises verzichteten noch knapp 20 Personen auf einen Kauf, weitere zahlreiche Ab- und Zugänge folgten.

Mehrere Theorien zur kommerziellen „Attraktivität“ dieser Uhr sind nun selbstverständlich zulässig, setzen aber folgende Berücksichtigungen voraus: Erstens wurde kein „Markenprodukt“ im üblichen Sinne angeboten, und dies erst noch mit spärlichem Kommunikationsaufwand (ein paar Foren sowie einzelne Newsletter von Timefactors). Zweitens war die Registrationsmöglichkeit zeitlich limitiert und die Bekanntgabe von quantitativen und demographischen Registrationsdaten dürfte nochmals ein paar potentielle Käufer abgeschreckt haben. Apropos Abschreckung: 265 Gramm verteilt auf 44mm zu einem Preis von 450 englischen Pfund wollen ja auch erst einmal „verdaut“ sein. Zumal mancher Interessent auch noch monatelang auf die Uhr warten musste und laufend vertröstet wurde. Und dass sich unter den 200 Registrierten vergleichsweise wenig PRS-1-Besitzer einfanden, dürfte schliesslich mit der grundlegenden Andersartigkeit von Flieger- und Taucheruhren zu erklären sein. Aus Sicht des Autors ist Eddie Platts ein ziemlich grosses kommerzielles wie auch finanzielles Wagnis eingegangen, zu dessen Erfolg man eigentlich nur von Herzen gratulieren kann.

Wert

Die Dreadnought dürfte sich kaum als Spekulationsobjekt eignen (was auch bestimmt nicht im Sinne des Erfinders war). Die Uhr ist zwar tatsächlich streng limitiert (und einzeln nummeriert) und preislich hart kalkuliert; insofern könnte die Chance bestehen, dass in absehbarer Zeit eine Wertsteigerung zu beobachten ist. Es besteht aber ebenfalls eine Chance, dass die Dreadnought einen Nachfolger erhält, wenn auch ganz bestimmt nicht in identischer Form (evtl. eine GMT-Version). Ebenfalls gilt es, bei einem eventuellen Wiederverkauf das fehlende Markenimage sowie die Schwierigkeit einzukalkulieren, nicht nur einen absolut Uhrenbesessenen zu finden, sondern auch einen Uhrenbesessenen mit hoher Internet-Affinität. – Aber die Welt ist bekanntlich gross und mindestens 61 Personen könnten noch immer auf ihr Exemplar hoffen…

Auf jeden Fall ist das finanzielle Risiko des Käufers denkbar klein, bedenkt man Ausstattung und Preis.

Kauferfahrung

Es ist aus Sicht eines Uhrenfanatikers schon ein ganz besonderes Erlebnis, wenn man die Entstehung einer Uhr in all ihren Details hautnah und mit Gleichgesinnten erlebt. Sicher, es gab schon andere Projekte ähnlicher Natur (z.B. EOT), und es werden noch viele kommen, aber keines wurde bislang so transparent und detailliert begleitet. Von den ersten Photoshop-Versuchen (welche noch sehr stark an die IWC Aquatimer erinnerten) bis zur Fotografie aller 200 Dreadnoughts mit ihren provisorischen Verpackungen, von den Rückschlägen bis zur feierlichen Enthüllung der ersten Prototypen war alles dabei. Und da jeder seine Meinung mitteilen konnte, wird auch jeder irgendwie das Gefühl haben, „seine eigene“ Dreadnought zu besitzen.

Lob und Tadel

Die „schlechten“ Nachrichten zuerst: Die orange Leuchtmasse bei 12 ist etwas unsauber aufgetragen – beim hier gezeigten Modell sind die Farben aber immerhin gleichmässig auslaufend, bei anderen Modellen stach dieser Makel aufgrund Unregelmässigkeit noch etwas mehr heraus. Und wie so oft: Die Gravur auf der Krone lässt sich beim Verschrauben nicht gerade stellen.

Aus funktionaler Sicht zu kritisieren gibt es zudem das Leuchtdreieck bei 12, welches stellvertretend für alle Taucheruhren zwar (endlich) grosszügig ausgefallen ist, aber aufgrund fehlender schwarzer Umrandung nur im Dunkeln so richtig auffallen will.

Dass die Dreadnought in manchen Punkten von der Vorarbeit berühmter Vorbilder profitiert hat, lässt sich ebenfalls nicht von der Hand weisen – zum Beispiel konnten die Zeiger bereits bei Omega und die Gehäuseformen bei Ruhla oder Panerai gesehen werden – dennoch bleibt die Kritisierung dieser Neuinterpretation schwierig – einerseits, da in ihrer Gesamtheit eben doch ein eigenständiges Auftreten erreicht wurde, andrerseits, da es sich bei der Dreadnought tatsächlich um den Versuch handelte, eine möglichst kompromisslos funktionale Uhr anzubieten – und unter diesem Aspekt wurde die Dreadnought wirklich sehr gewissenhaft komponiert.

Deshalb: Wäre sie von einem etablierten Hersteller entwickelt worden, es wäre bedeutend einfacher, diesen Punkt jetzt ausgiebig zu kritisieren; da es sich aber um einen „Underdog“ handelt, ist man eher geneigt, von „partieller Hommage“ zu sprechen und freut sich über den Mut des Herstellers, mit einer gewissen Unverfrorenheit an den Klassikern gerüttelt zu haben.

Klare Kritik betrifft hingegen das Stahlband. Es ist zwar grundsätzlich wunderschön und passend gewählt, dann ist es auch noch massiv gefertigt und sehr bequem zu tragen (das Gegengewicht alleine lässt die Uhr sehr bequem am Handgelenk liegen). Aber die Bandanstösse verraten zu stark, dass es sich um ein Band von der Stange handelt: Die Kanten der Gehäuse-Hörner und die Abrundung des Bandanstosses wollen nicht so recht zusammenpassen.

Ebenfalls ist der Abstand der Gehäuse-Hörner (noch) etwas schmaler als das folgende Bandglied, weshalb es sich bei Bewegung doch immer wieder mal einklemmt. Zu guter letzt: Die Lötstelle der Faltschliesse zum Bandsteg mutet nach Sollbruchstelle an, aber ob dies tatsächlich eintreffen wird, wird wohl erst die Zeit zeigen.

Kommen wir zu den wahren Stärken der Uhr: Es dürfte sehr schwierig werden, eine Taucheruhr mit grösserer Ablesbarkeit zu finden. Pluspunkte gibt es deshalb auch für die schwarze Datumsscheibe sowie das völlige schnörkellose Zifferblatt. Dies würde zwar der Taucheruhren-DIN (z.B. fehlende Tiefenangabe) nicht standhalten, punktet dafür aber in funktioneller und ästhetischer Hinsicht allemal. Und – pardon – die Dreadnought ist ganz einfach ein geiler Brocken. Etwas seriöser ausgedrückt: Eine Uhr ohne Chichis, einem Ehrfurcht einflössenden Durchmesser und Gewicht sowie einer Ausstattung, deren Preis eindrücklich aufzeigt, wie viel tiefer man anderweitig für den Herstellernamen oftmals in die Tasche greifen muss.

Verpackung

Auch hier geizt die Dreadnought nicht: massive Holzschatulle inkl. drei Schraubenziehern (zwei für den Bandanstoss und einer für das Band selbst), individuelles Chronometer-Zertifikat, Bedienungsanleitung/Beschrieb, Kopien der technischen Pläne, ein Rhino-Band sowie Garantiekarte stellen in der Summe die Ausnahme der üblichen Ausstattung dar.

Fazit

Angefangen bei der mehr als üppigen (aber vielleicht etwas zu eleganten) Verpackung à la Panerai, der Leistungsmerkmale und der gebotenen Qualität ihrer Komponenten, ihrer Einzigartigkeit bis hin zur Gesamterfahrung kommt die Dreadnought dem Ideal der perfekten mechanischen Taucheruhr sehr, sehr nahe.

Andrerseits ist sie definitiv die falsche Uhr für all diejenigen, die sich die Aufmerksamkeit ihrer Umwelt in erster Linie durch bekannte Marken, exklusivem Werk oder filigranes Design erkämpfen möchten.

Korrigendum (2005): Ok, ich habe mich vor zwei Jahren bezüglich Wertsteigerung kräftig geirrt. Der Hype um diese Uhr, der sich in den Monaten nach Auslieferung aller 200 Exemplare entwickelte, hat sich – zumindest kurzzeitig – doch als unerwartet gross herausgestellt. Den Kultfaktor um die Dreadnought lässt sich mancher Interessent mittlerweile um die 3’000 U$ kosten, und es gibt bereits mindestens 4 Modelle anderer Hersteller, die sich eindeutig an der Dreadnought orientieren. Hats off!

 

Dieser Artikel wurde erstmals 2003 veröffentlicht.

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