Cricket Nautical

Die Paradoxie einer an sich faszinierenden Uhr: Revue Thommen Cricket Nautical 200m

Einer der besten uhrmacherischen Beweise, dass Widersprüchliches durchaus seinen Reiz haben kann, stellt die 1991 von Revue Thommen unter Lizenz lancierte „Cricket Nautical“ dar: Erstens, das Original von Vulcain, das 1961 debütierte und 1969 neu aufgelegt wurde, hat optisch und funktional (bis auf die grundlegende Alarmfunktion) wenig mit der Sonderedition zu tun. Zweitens: Die Sonderedition von 1991 wurde aufgrund der damaligen Geschäftsaufgabe von Vulcain durch Revue Thommen hergestellt und verfügt drittens nicht etwa über ein Vulcain-Werk, sondern über ein Werk der A. Schild S.A., dem AS 1930 resp. RT 79. Und als krönender Abschluss bietet die wiederauferstandene Marke Vulcain viertens seit 2002 wieder eine „richtige“ Cricket Nautical an.

Zum Vergleich: Die ursprüngliche Vulcain Cricket Nautical (Kaliber Vulcain 120) verfügte über eine Dekompressionstabelle auf dem Zifferblatt und war wasserdicht bis 300 m. Mit ihr am Handgelenk stellte der Tauchexperte Hannes Keller am 28. Juni 1961 mit 222 m gar einen neuen Tieftauchrekord auf. Und mit 42 mm Durchmesser und 17,7mm Höhe war sie in einer Zeit, da eine Herrenuhr selten mehr als 36 mm mass, alles andere als ein Zwerg. 1969 folgte die Neuauflage, nun im kissenförmigen Gehäuse und drehbarer Lünette (anstelle komplett drehbarem Zifferblatt).

Demgegenüber steht die zum 30jährigen Jubiläum der Cricket Nautical präsentierte Revue Thommen: Lediglich ein innenliegender Drehring, 4 mm weniger Gehäuse-Durchmesser, 2.7 mm weniger Höhe (da auf das ursprüngliche, dicke Plexiglas verzichtet und ein Mineralglas eingesetzt wurde) und 100 m weniger Tauchtiefe. Oder andersrum gesagt: Man nehme die ungefähre Gehäuseform von 1961 plus Drehlünette von 1969, entferne die Dekompressionstabelle auf dem Zifferblatt und lasse das Ganze köcheln, bis eine 38 mm kleine Nautical gar ist.

Wehe, wenn er losgelassen

Dennoch darf die – Achtung Ironie – auf 2’400 Stück „streng limitierte“ Sonderedition berechtigterweise ihren Ruhestand im Uhrenmuseum La-Chaux-de-Fonds verbringen: Sie ist optisch ausgewogen, anständig verarbeitet, bietet einige mechanischen Überraschungen und zählt zu den überaus seltenen, an zwei Händen abzählbaren Vertretern von mechanischen Taucheruhren mit Alarmfunktion. – was (sofern präzise einstellbar) durchaus eine sinnvolle Zusatzfunktion für Taucheruhren darstellt. Da das hier beschriebene Modell aufgrund seiner ohrenbetäubenden Lautstärke aber massgeblich dazu beitragen kann, Wal-Familien stranden zu lassen, möge jeder tierfreundliche Besitzer wenn immer möglich nur in der Badewanne davon Gebrauch machen (soll ja auch bei Nierensteinen helfen).

Die Begründung für diese Lautstärke ist einerseits in der Funktion als „lebensrettendes“ Signal unter Wasser zu suchen, andrerseits in der mechanischen Umsetzung: Die Cricket Nautical verfügt ebenfalls über den Vulcain-charakteristischen dreiteiligen Gehäuseboden: Der innerste (und aufgrund seiner Druckfestigkeit) dickste Boden sorgt für ein trockenes Werk, verhindert aber gleichzeitig ein lautes Signal. Auf diesem liegt deshalb ein via Stift mit dem Werk verbundener doppelter Membranboden auf, welcher den Wecker verstärkt. Bei voll aufgezogener Feder ist der eher unangenehm rasselnde/surrende Wecker rund 20 Sekunden zu hören.

Bedienung!

Taucheruhren mit innenliegendem Drehring haben vor allem ein Problem: Sie sind zwar hübsch anzusehen, aber als Taucheruhr fast nicht zu gebrauchen. – Lässt sich doch der Drehring in der Mehrzahl aller Fälle a) viel zu leicht und b) in beide Richtungen verstellen (abgesehen von der mehr als umständlichen Bedienung der Krone, sollte der Träger Handschuhe tragen oder nasse Hände haben).

Dem erstgenannten Problem begegnet die Cricket Nautical (zumindest im Trockenen) mit einem überzeugenden, und innerhalb der Cricket Nautical Geschichte erstmals eingesetztem Detail: Die Drehlünette kann erst dann verstellt werden, wenn die Krone bei 3 Uhr gezogen wird. – Ein unbeabsichtigtes Verstellen ist so praktisch ausgeschlossen. (Anmerkung: Eine identische Lösung wurde erstmals von Aquastar mit der Ref. 1000 „Seatime“ patentiert und umgesetzt und dürfte nur bei ganz wenigen weiteren Uhren anzutreffen sein.)

Eine weitere überraschende Lösung wurde für den Wecker gewählt: Da die Alarmfunktion beim AS-Werk dummerweise nur bei gezogener Krone bei 2 aktiviert ist, kann diese durch eine am Kronentubus angebrachte Überwurfmutter wirksam arretiert werden und dadurch ein irrtümliches Abstellen verhindert werden. Ebenfalls wird mit dieser Krone der Wecker aufgezogen, resp. die Weckzeit eingestellt. Wehrmutstropfen: Der Alarm (der in der falschen Situation jedes Mobiletelephon-Klingeln um Längen schlägt) kann nicht vorzeitig deaktiviert werden, und die Krone/Mutter muss mit einiger Sisyphusarbeit und Vorsicht (Winkelheber und Aufzugswelle lassen grüssen) bedient werden.

Die dritte Krone im Bunde dient zum Aufzug des Werks sowie zum Einstellen der Uhrzeit.

Summa summarum ein ebenso cleverer wie einzigartiger Einsatz der drei Kronen, belegt mit insgesamt sechs Funktionen. Dennoch bleibt die Bedienung umständlich, eine Lösung mit aussenliegendem Drehring wäre zumindest aus funktionaler Sicht optimaler gewesen. – Zwar die weniger elegante, aber doch immerhin die Lösung, die Spieltrieb und Funktion maximal vereint hätte. Es darf trotz ausgewogener Proportionen (die die Uhr ziemlich gross scheinen lassen) nicht vergessen, dass sich drei Kronen den Platz auf einer 38mm Uhr teilen.

Technische Daten

Herstellungsjahr: 1991
Name: Revue Thommen Cricket Nautical 200 M
Beschrieb: Edelstahl mit dreiteiligem Druckboden, bombiertes Mineralglas, wasserdicht bis 200 Meter, Durchmesser 38 mm, Höhe 14.9 mm, Werk AS 1930 (RT 79 in der firmeneigenen Bezeichnung), 17 Steine, Handaufzug, Doppelfederhaus.
Limitierung: 2’400 Exemplare, aufgeteilt in einfarbig weisse Zifferblätter mit weissem Drehring sowie dem hier gezeigten Modell mit schwarzem Drehring. Optional mit Stahlband inkl. Sicherheitsverschluss und Tauchverlängerung oder farbigen Lederbändern. Vermutlich zweite Limitierung von 600 Exemplaren in Gold. Damaliger Preis für das Stahlmodell lag bei rund DM 1400.-
Literaturhinweis: „Der Armbandwecker – die Geschichte einer unterschätzten Komplikation“ (ISBN 3-89880-003-2, Heel Verlag) von Michael Philip Horlbeck

 

Dieser Artikel wurde erstmals im Jahr 2003 veröffentlicht.

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