Titoni Seascoper 600

Die Schweizer Uhrenmarke Titoni nimmt mit der Ende 2020 lancierten Seascoper sowohl Sammler als auch den globalen Markt stärker ins Visier: Ausgestattet mit dem ersten eigenen Werk in der über 100jährigen Geschichte des Familienunternehmens, einer grundsätzlich gefälligen Formensprache und einem ziemlich aggressiven Preis-/Leistungsverhältnis, dürfte die 42 mm grosse Seascoper somit primär darauf ausgelegt worden sein, Wellen zu schlagen. Wie gut ihr das gelingt, zeigt ein erster Kurzzeittest mit der Uhr:

Zwei Marken als Basis für den internationalen Erfolg

Felco wurde 1919 durch Fritz Schluep-Rüfenacht in Grenchen gegründet und kurz danach in Felca umbenannt. Nach dem Tod des Patrons im Jahr 1959 übernahm mit Bruno Schluep einer der beiden Söhne die Geschäftsführung am frisch eingeweihten Produktionsstandort in Grenchen. – Felca war zu diesem Zeitpunkt bereits als einer der 20 grössten Schweizer Uhrenhersteller etabliert. Bezahlbare Qualität und der Fokus auf internationale Märkte waren massgeblich für den Erfolg des Familienunternehmens verantwortlich gewesen, und mit der Zweitmarke Titoni hatte man schon in den frühen 50er-Jahren damit begonnen, ein dediziertes Angebot für die asiatische Kundschaft aufzubauen (1955 warb man bereits mit „über 40 vorzüglichen Herren- und Damen-Modellen“ von Titoni). Das dafür gewählte Logo in Form einer chinesischen Aprikosen- oder Pflaumenblüte hatte somit gleich mehrfachen Symbolcharakter, und der rasch einsetzende Erfolg der Zweitmarke führte konsequenterweise zur Umbenennung der Firma in Felca & Titoni Uhren AG in den 60er-Jahren.

Den dritten Generationswechsel vollzog Felca & Titoni im Jahr 1981, nachdem Bruno Schluep im Alter von 61 Jahren verstorben war. Dessen Sohn Daniel Schluep sollte in den kommenden Jahrzehnten erst das Unternehmen aus der Quarzkrise führen, die Konzentration auf Titoni verantworten und vorantreiben, und die Marke vor allem in China zu einem wahren Schwergewicht werden lassen (die 2014 lancierte Seascoper war denn auch äusserst schwierig hierzulande zu finden).

Seit den frühen 50er-Jahren ist die Marke Titoni am Markt, und das Logo in Form einer Meihua-Blüte ist bis heute im Einsatz.

Heute ist das zwischenzeitlich in Titoni AG umbenannte Unternehmen immer noch am Standort in Grenchen ansässig, das Umfeld hat sich aber in mehrfacher Hinsicht verändert: Die Schweizer Uhrenindustrie dominiert mit Schwergewichten wie Omega, Longines oder Rolex längst auch in China den Markt, die dortige Kundschaft ist in ihrer Markenpräferenz ebenfalls globaler geworden, und höherpreisige Mechanik hat sich etabliert. Ergo musste Titoni in den letzten Jahren wohl oder übel damit beginnen, für die restliche Welt eine etwas andere Strategie zu entwickeln, in welcher der Seascoper wohl die Rolle des kommerziell erfolgreichen Wegbereiters zugeteilt wurde.

Scope of Work

Ein weiterer Effekt der früheren dualen Markenstrategie des Herstellers: die Seascoper wurde zu Beginn ihrer Karriere nicht von Titoni angeboten. In Anzeigen aus dem Jahr 1963 wurde die damals bis 200 Meter wasserdichte Taucheruhr noch mit anderem Absender beworben: die „Felca Seascoper mit drehbarer Lünette ist besonders praktisch gebaut und besticht vor allem durch die hervorragende Lesbarkeit des Zifferblattes.“ Etwa ab 1968 taucht die Seascoper II mit Titoni-Logo (Ref. A 10 304 1) auf.

Unabhängig des verwendeten Logos: Die Seascoper hatte sich in den 60er- und 70er-Jahren erster Linie als solide Taucheruhr mit unaufgeregtem Design gezeigt. Man wollte, wie die Mehrheit der damaligen Hersteller, der Kundschaft quasi eine Alternative mit Drehring bieten, ohne sich gleich zu einem Spezialisten der Unterwasserwelt zu entwickeln, oder Rekorde zu brechen. Ergo lässt sich – vielleicht abgesehen von der unter Sammlern beliebten U-Boot-Gravur auf dem Gehäuseboden – retrospektiv auch nicht zwingend ein Element definieren, das eine Felca oder Titoni Seascoper auszeichnet.

Und genau dies spürt man auch bei der aktuellen Generation: Sie ist keine logische Fortführung oder Neuinterpretation eines eigenen, früheren Designs. Dass manche Gestaltungs-Elemente der aktuellen Uhr dennoch vertraut erscheinen, beispielsweise die dominanten arabischen Zahlen auf dem Zifferblatt, hängt also eher davon ab, dass man bei Titoni einen möglichst gefälligen, typischen Taucheruhren-Look angestrebt hat, also keine Design-Risiken eingehen oder das Rad neu erfinden wollte. Nichtsdestotrotz: kleine Details wie die wuchtigen, nach innen anglierten Hörner und vor allem die Form des Stunden- und Minutenzeigers führen dazu, dass die Uhr spätestens auf den zweiten Blick ein paar bequeme Ausreden liefert, warum man sich schon wieder eine Taucheruhr kaufen könnte.

Scherz beiseite: wer von der Seascoper 600 erwartet, dass sie das Genre neu definiert, wird zwangsläufig enttäuscht. Wer die Neuauflage eines alten Modells aus den 60er- oder 70er-Jahren erwartet hat, auch. Wer indes eine moderne, mechanische Taucheruhr sucht, die offensichtlich mit Gattungs-typischen Elementen spielt, der darf weiterlesen.

Die Hörner sind bei der Seascoper angliert, fallen also nach innen leicht ab, die Kante und die Gehäuse-Aussenseite sind dabei poliert, der Rest gebürstet.

Ein Mix aus bewährten Zutaten

Die Seascoper ist in der aktuellen Ausführung bis 600 Meter wasserdicht, bietet also jedem Wassersportler und Taucher genügend Reserve. Das integrierte Heliumventil in Kombination mit der fehlenden Bandverlängerung ist inkonsequent, aber im Alltag an Land kein Problem. Die Faltschliesse verfügt dafür über eine Feinverstellung (ähnlich der Odysseus von A. Lange und Söhne), mit der die Länge des Bandes unkompliziert um ein paar Millimeter verändert werden kann. Gleichzeitig ist der runde Knopf auf der Unter- respektive Aussenseite der Schliesse natürlich etwas exponiert.

Die Feinverstellung der Faltschliesse erlaubt, das Band auch in geschlossenem Zustand in kleinen Schritten anzupassen. Dafür fehlt eine Verlängerung für den Einsatz über dem Tauchanzug und ein Sicherungsbügel.

Das Inlay der Lünette ist aus Keramik, einzig die Leuchtmarkierung bei 12 Uhr ist nachleuchtend. Auf beiden Seiten kommt Saphirglas zum Einsatz, und dank dem Sichtglasboden lässt sich auch das grösste Alleinstellungsmerkmal der Uhr bei der Arbeit beobachten:

T10

Mit dem schrittweisen Abbau der Lieferungen von mechanischen Uhrwerken durch die Swatch Group hatte sich Titoni zwar schon recht früh nach eigenen Alternativen umgesehen, aber erst jetzt eine passende Umsetzung präsentiert: Quasi zum 100jährigen Bestehen der Marke schenkte sich Titoni „das erste selbst entwickelte und intern gefertigte Uhrwerk in der Geschichte der Marke.“ Sein Debut gab das neue Kaliber in der „Line 1919,“ einem eher eleganten Herrenmodell erhältlich in drei Zifferblattversionen. Die Daten des Kalibers klingen allesamt vernünftig, erhöhten Schutz vor Magnetismus, Silizium-Spirale oder eine überdurchschnittlich hohe Gangreserve wie bei dem teureren Cal. 400 von Oris oder dem Baumatic von Baume & Mercier sucht man indes vergebens auf dem Datenblatt (72 Stunden Gangreserve reichen dafür perfekt, um das Wochenende ohne Uhr zu verbringen – oftmals der wichtigste Use Case nebst Magnetismus, wenn man den Herstellern in der jüngeren Vergangenheit zuhört).

Der Sichtglasboden in Form eines Bullauges lässt zumindest Teile des neuen Werks sichtbar werden.

Unter dem Strich scheint es sich um ein solides Kaliber (mit spürbaren Rotorbewegungen) zu handeln, das mit COSC-Zertifizierung auch zu entsprechender Präzision fähig ist. – Ganz zu schweigen von der gebotenen Werk-Vielfalt, die Sammler häufig vermissen (das Vorgänger-Modell hatte noch ein SW200 verbaut). Fast wichtiger aber: mit einem Listenpreis von CHF 1’570.00 (bei Versand in der Schweiz) wird es tatsächlich schwierig, etwas Vergleichbares aus heimischer Produktion zu finden. – Am ehesten wohl noch die Longines HydroConquest mit 43 mm Gehäuse (Ref. L3.782.4.56.6), die mit einem Listenpreis von CHF1’500.00 ohne Heliumventil kommt, 300 Meter Wasserdichtheit bietet und mit dem L888 ein ETA A31.L01 (resp. weiterentwickeltes 2892-A2) verbaut hat. Im Kontext der Swatch Group also auch ein Inhouse-Werk, aus Sicht des Sammlers aber halt wieder eher Hausmannskost darstellt. Spätestens bei Finish, Verarbeitung und Haptik hat die Seascoper die Nase aber vorne.

Die Seascoper misst 42 mm im Durchmesser, die Länge liegt bei rund 51 mm.

Fazit: wer eine moderne Taucheruhr im Gattungs-typischen Design sucht, wird bei der Seascoper garantiert fündig. Wer darüber hinaus eine exzellent verarbeitete, bezahlbare Taucheruhr mit Inhouse-Werk sucht, sollte die Uhr unbedingt genauer unter die Lupe nehmen. Grösster Kritikpunkt (in Ermangelung eines Langzeittests von Uhr und Werk): die Abstände zwischen den Bandgliedern sind einen Hauch zu gross, die Schriftarten auf Zifferblatt und Drehring weichen etwas stark voneinander ab, und der leichte Lupeneffekt des Sichtglases auf dem Boden will nicht so recht zur qualitativ hohen Anmutung der Uhr passen. Das war’s dann aber schon.

Bild-Galerie:

Datenblatt

Anbieter:Titoni
Modell:Seascoper 600
Referenz:83600 S-BK-256
Lancierungsjahr:2020
Abmessungen:Ø 42.00 mm, Bauhöhe: 14.45 mm
Gehäuse:Edelstahlgehäuse mit integriertem Heliumventil bei 9 Uhr, verschraubte Krone und Boden, einseitig rastender Drehring mit Keramik-Inlay (60 Klicks), entspiegeltes Saphirglas beidseitig. Wasserdichtheit: 600 Meter.
Band:Edelstahlband mit Faltschliesse (und integrierter Verlängerung), 20 mm Bandanstoss.
Werk:T10 mit COSC-Zertifizierung, rund 72 Stunden Gangreserve. Ø 29.30 mm, Höhe: 4.10 mm, 28’800 A/h, vergoldete Schwungmasse
Varianten:Bi-Color (Ref. 83600 SY-BK-256), blaues Zifferblatt und blauer Drehring (Ref. 83600 S-BE-255)
Preis (2020):ab CHF 1’570.00 / €1’595.00

Dieser Artikel wurde im Jahr 2020 erstmals veröffentlicht.