Seiko 6105

Happy End: Seiko 150m, Ref. 6105-8110

Seiko_Diver_6105_Front

Mittlerweile gibt’s in fast jedem Film schon ein – mal mehr, mal weniger – gelungenes uhrmacherisches Product Placement. Aber in einer Zeit, da Omega mit der Seamaster 300 (James Bond, „GoldenEye“, 1995) noch nicht diese junge Disziplin für die Uhrenindustrie im grossen Stil geöffnet hatte (und damit übrigens die verkaufte Stückzahl der Seamaster umgehend verzehnfachte), wählten die Schauspieler noch meistens selbst, welche Uhr eine unerwähnte Nebenrolle im Film kriegte. Unerwähnt bedeutet aber noch lange nicht unbemerkt: Auf dem Sammlermarkt spielen genau jene Uhren heute quasi eine Hauptrolle und haben den Akteur teilweise gleich noch vereinnahmt: Als Bond-Uhr, Steve McQueen oder Cousteau-Uhr beispielsweise sind sie entsprechend bekannt und gesucht.

Die heute mehrheitlich Seiko 6105 bezeichnete, hier vorgestellte Uhr mit dem charakteristischen Kronenschutz kann ebenfalls eine solche Nebenrolle im Film aufweisen: In Francis Ford Coppolas kontroversem Werk „Apocalypse now“ (1979) begleitete sie Martin Sheen (in der Rolle als Captain Benjamin L. Willard) auf seiner Mission durch die grüne Hölle Kambodschas. Nur dürfte die Wahl dieser Uhr wohl eher auf die akribische Recherche eines Requisiteurs zurückzuführen sein, denn auf Sheens Uhrengeschmack: Die 6105 war nämlich, als überaus robuster Zeitmesser, tatsächlich während des Vietnamkriegs (1964 bis 1975) im Einsatz.

Yes Sir, yes!

Was die Qualitäten des Films betrifft, so möge jeder Leser selbst die Play-Taste drücken und sich ein Urteil bilden. Hinsichtlich der militärischen Verwendung ist’s natürlich weniger einfach – und so soll hier ausnahmsweise der Einsatz der Taucheruhr im Dienst der amerikanischen Streitkräfte näher beleuchtet werden: Die ersten Zeitmesser der US-amerikanischen – aus Naval Construction Battalions – gebildeten Naval Combat Demolition Units (NCDU) bestanden noch aus Canteen Watches von Elgin und Hamilton – wasserdicht waren diese an der überdimensionierten Krone erkennbaren Dreizeigeruhren lediglich bis rund 30 Meter Tiefe.

Im Zuge der Reorganisation der NCDUs hin zu den Underwater Demolition Teams (UDT) benannten Zweierteams (den sog. „Buddies“) stiegen aber auch die Anforderungen an die zu verwendenden Uhren: Wasserdichtheit bis rund 50 Meter sowie der Taucherdrehring gehörten nun u.a. zu den neuen militärischen Spezifikationen der Navy. So wurden im Laufe der Zeit etliche Taucheruhren für den militärischen Einsatz angeschafft: Von Rolex beispielsweise, Tudor, Benrus, Blancpain, Doxa, Zodiac und eben auch von Seiko. Die US-Regierung rüstete mit den praktisch identischen Modellen ihrerseits die CIA Maritime Units, Army Rangers oder die Army Special Forces SCUBA aus.

Die Modelle von Seiko, beispielsweise die Ref. 6105 oder die spätere Ref. 6309 (ebenfalls bekannt aus James Camerons „The Abyss“, 1994), wurden erstmals in den späten 60er-Jahren ausgegeben – darunter an Mitglieder der UDT sowie den daraus gebildeten SEALs (für Sea, Air, Land als deren Einsatz-Bandbreite), und so wurde das hier gezeigte Modell der Ref. 6105 nicht nur im Film-Dschungel, sondern tatsächlich während des Vietnamkriegs eingesetzt. Begünstigt wurde die Verbreitung durch die im Vergleich zur Bevölkerung signifikant höhere Kaufkraft der im asiatischen Raum stationierten US-Truppen, die sich ausserhalb der offiziellen Versorgungskanäle ebenfalls reichlich mit Zeitmessern von Seiko eindeckten. Mit einem damaligen Kaufpreis einer 6105 von rund 14’000 Yen (um 1968) bot die Uhr ein für ausländische Käufer unschlagbares Preis-/Leistungsverhältnis – und daran hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert, berücksichtigt man die aktuellen Preise von Seiko Taucheruhren, die im Prinzip nie „billig“ waren. Als Beispiel: In Deutschland wurde die 6105 um 1973 für DM 310.- verkauft; eine Rolex Submariner 5513 kostete im Jahr 1974 DM 665.-.

Aber zurück zum Thema: Ebenfalls auf die militärische Verwendung zurückzuführen sind die regelmässig anzutreffenden Seikos mit sog. Olangapo-Spangenbändern mit goldenem Truppenzeichen. Sie stammen mehrheitlich von der namensgebenden Stadt auf den Philippinen, die von dort stationierten Armee-Angehörigen gekauft wurden.

Inwieweit der militärische Verwendungszweck dem persönlichen Gefallen oder sogar Wünschen des Sammlers entspricht, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Filmfans dürften mit dem Auftritt in Coppolas vielleicht grösstem Meisterwerk jedoch bereits bestens bedient sein. Und Taucheruhren-Fans dürften angesichts der optischen Reize der 6105 ebenfalls wenig Grund haben, ein solches Modell nicht besitzen zu wollen.

Und wem das noch immer nicht reicht: Der weltberühmte japanische Abenteurer Naomi Uemura (u.a. erster Japaner auf dem Mt. Everest) vertraute im Jahr 1978 ebenfalls auf die 6105 während der ersten Ein-Mann-Expedition zum Nordpol. Somit dürfte stellvertretend bewiesen sein, um was es sich bei der 6105 handelt: Ein beliebter, für damalige unglaublich und für heutige Verhältnisse enorm robuster Zeitmesser, der in unzähligen zivilen und militärischen Situation über und unter Wasser bewiesen hat, auf welch hohem Niveau die Uhrenherstellung bei Seiko betrieben wurde. Und auch daran hat sich im Prinzip bis heute nichts geändert.

6105 nicht gleich 6105

Genaugenommen ist die geläufige Bezeichnung „6105“ nicht korrekt: Erstens betrifft die Nummer das verwendete Werk, und zweitens gibt es zwei unterschiedliche Uhren, die diese Nummer aufweisen: Einerseits die vermutlich frühere und kleinere Ref. 6105-8000 und 6105-8009 (die jeweils zwei Referenz-Nummer stehen für baugleiche Uhren; der Unterschied in der 0- und 9-Endung liegt im geographischen Export-Markt der Uhr). Dieses traditionellere Modell verfügt nicht über den massiven Kronenschutz und wurde von 1968 bis 1977 angeboten.

Vermutlich ebenfalls im Jahr 1968 wurde die hier gezeigte Ref. 6105-8110 und 6105-8119, mit dem bedeutend grösseren Gehäuse (knapp 45mm) und dem markanten Kronenschutz, auf den Markt gebracht. Eingeschalt wurde hier das Cal. 6105B (21 Rubine, 21’600 A/h), während in der früheren Gehäusevariante noch das Cal. 6105A zum Zuge kam. Im Vergleich zum Vorgänger verfügte die 6105-811x neu auch über einen rastenden Drehring, und die Aufzugskrone verfügte nicht mehr über das überaus seltene Seiko-Logo.

Weitere Unterschiede bei den unterschiedlichen Varianten lassen sich beim Zifferblatt-Aufdruck entdecken: Es gibt sowohl Modelle mit dem Schriftzug „Waterproof“ wie auch „Waterresist“; wasserdicht sind sie hingegen alle bis 150 Meter. Der Unterschied wiederholt sich auf dem Gehäuseboden.

Mit „6105“ können also zwei Uhren gemeint sein, wobei die asymetrische Variante die klassischere Variante ohne Kronenschutz in punkto Popularität wahrscheinlich leicht überholt hat.

Anturnend

Die 6105-811x verfügt nicht etwa über eine verschraubte Krone. Diese wird – gut lesbar – erst eingedrückt und dann gedreht, um den sicheren Schutz vor Wasser zu gewährleisten. Und im Gegensatz zu den heutigen mechanischen Seiko-Taucheruhren im unteren Segement wird der Sekundenzeiger gestoppt, wenn die Krone gezogen wird. Hingegen kann auch das Cal. 6105 nicht von Hand aufgezogen werden, dafür das Datum über die Krone verstellt werden.

Angebot und Nachfrage

Die 6105 wurde in grosser Stückzahl produziert; insofern ist es nicht unmöglich, heute ein solches Exemplar zu finden. Aufgrund der generell starken Nachfrage nach alten Seiko Taucheruhren und der meist tatsächlichen Belastung durch den Träger ist es aber unglaublich schwierig, ein gut erhaltenes Exemplar zu finden. Die ausserordentliche Popularität hat ebenfalls dazu geführt, dass mittlerweile Nachbauten von Zifferblatt und Zeigern verbaut werden, die zwar dem Original sehr nahe kommen, aber halt eben nicht original sind. So dürfte allen Besitzern einer solchen Uhr eine weitere, massive Wertsteigerung sicher sein; dem Suchenden hingegen dürfte die „Arbeit“ eher noch schwieriger fallen.

Widmung

Einer der wichtigsten Gründe, weshalb eine Uhr eben nicht nur ein Gebrauchsgegenstand ist, liegt in der Verbindung zu emotionalen Begebenheiten: Die Uhr, die man vom Grossvater vererbt gekriegt hat, und die heute noch immer zuverlässig tickt. Das Geschenk von der Ehefrau, dass vermutlich länger halten wird, als die Ehe selbst. Oder die Uhr, die man selbst kauft, um sie später der nächsten Generation zu vermachen – Uhren sind so nahe am Leben dran, oder so stark mit prägenden Erlebnissen verbunden, dass einzelne Stücke gleich doppelt so wertvoll werden. Die hier gezeigte 6105 ist so eine Uhr.

In diesem Sinne soll dieser Text hier noch eine spezielle Erweiterung erhalten; nämlich die Danksagung an den unerwähnten, überaus grosszügigen Menschen, der diese Uhr für mich zu einer der aussergewöhnlichsten Uhren werden liess, die ich je beschreiben durfte. Und der dafür gesorgt hat, dass eine Uhr nun den Titel „überraschendstes Weihnachtsgeschenk“ trägt.

Vielen Dank für diese einzigartige und fast nicht fassbare Geste, die mich tief berührt hat und noch immer tief berührt. – Und die dazu geführt hat, dass meine Suche nach einer solchen Uhr mit einem „very happy end“ abgeschlossen wurde.

 

Dieser Artikel wurde erstmals im Jahr 2005 veröffentlicht.

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