Sandoz Typhoon

Die Sache mit der Schraube

Sandoz_Typhoon

Sie zählt unbestritten zu den Kandidaten regelmässig auftauchender 70er-Jahre Brocken, die ihr Geheimnis oder ihre Geschichte nur zögerlich preisgeben: Die Typhoon von Sandoz. Einerseits ist da alleine schon die Tatsache, dass es sich um eine punkto Form und Bauweise unübliche Uhr handelt, andrerseits verfügt sie über eine Besonderheit, die man sonst sehr selten sieht: Eine dezentral platzierte Schraube auf der Rückseite des Monocoque-Gehäuses.

Aber beginnen wir den wenigen Einzelheiten, die bekannt sind:

Die Geschichte des Namens Sandoz in der Uhrenindustrie reicht zurück bis ins Jahr 1870 und ist bestimmt – wie so oft in eben dieser Industrie – durch konstanten Wandel. Oder etwas ungeschminkter: Heute trifft man den Markennamen Sandoz praktisch nur noch als Schriftzug eher preiswerter Uhren im Einstiegssegment an, eine nahtlose Verknüpfung mit der reichen Historie ist weder spür- noch feststellbar.

Die hier vorgestellte, als „Automatic Super Diving Watch“ angepriesene, Extrem-Taucheruhr nimmt in der damaligen wie heutigen Kollektion optisch und inhaltlich eher eine Exotenrolle ein: Sandoz zählte damals wie heute nicht zu den Herstellern, die sich im Bereich eigenständiger Taucheruhren einen grossen Namen gemacht hatten (obschon von Sandoz um 1963/64 eine der ersten bis 1000 Meter dichten Uhren angeboten wurde). Und so überrascht es ein klein wenig, dass gerade aus diesem Haus ein solcher Brocken auf den Markt kam: Optisch orientiert sich die laut Hersteller anfangs 70er-Jahre erhältliche Typhoon sehr nahe an den militärisch verwurzelten Benrus-/Marathon-Uhren – sie ist mit 43 mm grösser, massiver und natürlich für bedeutend mehr Tiefe ausgelegt: 1000 Meter Wasserdichtheit waren für damalige Verhältnisse an der obersten Grenze und Einschalen-Gehäuse sowieso eher selten. Und gerade hier liegt ihr grosses Geheimnis: Die dezentral platzierte Schraube auf der Gehäuse-Rückseite.

Sandoz_Typhoon_Caseback

Einerseits könnte sie – laut Aussage eines Uhrmachers – das Werk von hinten fixieren. Diese Aussage (ohne den Uhrmacher der Lüge bezichtigen zu wollen) irritiert, handelte es sich doch um eine Funktion, die normalerweise dem Werkhaltering vorbehalten ist, da eine Schraube, die in die Platine greift, entweder nach einem Mikrorotor- oder Handaufzugswerk verlangt, in jedem Fall aber nach viel Platz auf der Platine. Da nun aber ein Automatikwerk FHF 905 verbaut ist, ist es praktisch nicht möglich, dass diese Zusage zutrifft – da das erwähnte, eher seltene Konzept eines Mikrorotor-Werks sich darin nicht finden lässt. Und als Werk mit zentralem Rotor wäre es in der Funktion des Aufzugs schlichtweg nicht in der Lage, seine Aufgabe zu erfüllen.

Bleibt also als weitere plausiblere Erklärung die eines sehr frühen Heliumventils. Wobei „Ventil“ natürlich etwas übertrieben wäre.

Wenn dies nun tatsächlich zutrifft, so handelt es sich bei der laut Hersteller-Auskunft „um 1970 produzierten“ Typhoon (hier irritiert dann jedoch die gravierte Zahl „1982“ auf dem hier gezeigten Modell, in Tat und Wahrheit ist es aber eine fortlaufende Nummer, was wiederum Irritation punkto Auskunft Auflage hervorruft) um eine der ersten Uhren überhaupt, die sich dem Thema Helium-Auslass angenommen hätte. Sie könnte damit in einem Atemzug mit Doxa (Conquistador) und Rolex (Sea-Dweller) genannt werden, die beide etwas früher erste funktionsfähige Ventile auf den Markt brachten, ohne jedoch an die 1000 Meter Wasserdichtheit der Typhoon heranzukommen. Seiko und Omega befassten sich zeitgleich ebenfalls mit dieser Problematik, lösten aber die Sache anders: Die Gehäuse entsprechender Uhren (ebenfalls bis 1000 Meter wasserdicht) waren so stabil ausgelegt, dass Heliumventile erst gar nicht notwendig wurden.

Die Patent-Datenbank schweigt dazu: Entweder, weil die mysteriöse Schraube nicht unter diesem Verwendungszweck patentiert, oder die Konstruktion nicht von Sandoz, sondern einem weiteren, bislang unbekannten Hersteller oder findigen Geist erfunden wurde.

Eine dritte, bedeutend profanere Theorie könnte die Entriegelung der Aufzugswelle betreffen: Ein Rausdrehen der Schraube entkoppelt die Welle vom Werk.

Und eine vierte Theorie stammt von den heutigen Besitzern des Markennamens selbst: Die mit der Schraube verschlossene Öffnung diente somit als Einlass für Luft – diese wurde in das Gehäuse gepumpt, um das Plexiglas herauszudrücken.

Spannend an dieser plausiblen Erklärung: Die Sandoz Typhoon hätte als überaus rares, wenn nicht einmaliges Exemplar eine dedizierte Vorrichtung für einen Vorgang, der normalerweise via Krone durchgeführt wird. Und gerade angesichts des Glases stellt sich die Frage, wie die Krone mit diesem Prozess umgeht.

Wer auch immer recht hat: Entweder ist das Glas eher ungewöhnlich fixiert, und/oder die Uhr verfügt über ein sehr frühes Konzept eines Helium-Auslasses – gewollt oder ungewollt. Die Theorien sind isoliert wie auch kombiniert bis zu einem gewissen Grad denkbar und machen die Uhr zu einem würdigen Jagdobjekt auf der Liste der historisch besitzenswerten Taucheruhren. Gleichzeitig wird einmal mehr klar, wie schwierig es heutzutage sein kann, verlässliche Informationen zu alten Uhren zu kriegen – leider.

Aber zurück zu den Fakten: Ebenfalls erwähnenswert ist das überaus dicke Glas der Typhoon: Während man bei Omega beispielsweise bereits mit Saphirglas arbeitete, stülpte man der Typhoon noch ein Plexiglas vors Zifferblatt, das aufgrund der hohen Anforderungen an die Gehäuse-Dichtheit fast schon halbkugelförmig ausfiel.

Apropos Zifferblatt: Es hat von der Typhoon mindestens drei Zifferblattvarianten gegeben: Eine orange wie auch eine graue (hier gezeigte) mit den markanten, aufgedruckten 12- und 6-Uhr-Indexen sowie eine elegantere graue Version mit – im Vergleich zum gezeigten Modell – aufgesetzten Indexen. In jedem Fall kam Tritium als Leuchtmasse zum Einsatz. Eine weitere Variante dieser Uhr findet sich baugleich unter dem Markennamen „Betina“.

Laut Markeninhaber gab es ebenfalls noch eine grüne und schwarze Zifferblattversion sowie eine Werk-Variante mit Tag-/Datumsanzeige (Ref. 1745Z- 84-8, Werk FHF 908). Die hier gezeigte Variante mit Datum wurde mit einem FHF 905 (Fabrique d’Horlogerie de Fontainemelon SA) ausgestattet.

Wer jetzt selbst auf den Geschmack gekommen ist: In der Regel präsentieren sich die meisten der heute noch auffindbaren Modelle mit Zifferblättern/Zeigern in miserablem Zustand. Ebenfalls ist der ursprünglich polierte, in den gravierten Vertiefungen schwarz bedruckte Drehring meist ziemlich abgeschliffen und ohne Farbe anzutreffen. Hier muss der Interessierte Käufer selbst entscheiden, wie gross seine Leidensfähigkeit bei einem Restaurationsversuch ist: Bei – erneut laut Hersteller – einer Gesamtauflage von 1000 produzierten Uhren und (Eigenaussage Verfasser) bewegter Firmengeschichte ist die Ersatzteilsituation heute eher schlecht.

Oder – um diesen Artikel zumindest vorerst doch noch abzuschliessen: Wer diese nicht allzu seltene und i.d.R. nicht allzu teure Uhr nicht im Top-Zustand kauft, bei dem dürfte eine winzige Schraube mit bekanntem Zweck ein bisschen locker sein.

 

Technische Daten

Modell: Ref. 1745Z-84-5, Sandoz Typhoon
Produktionszeitraum: unbekannt
Masse: ca. 43 mm Durchmesser, 16 mm Höhe
Gewicht: ca. 90 g
Drehring: überstehender, einseitig drehbarer Edelstahl-Ring mit eingravierter und schwarz bedruckter Markierung, 60er Rastung
Band: unbekannt, 20 mm Bandanstossbreite
Zifferblatt: schwarzes, grünes, graues oder oranges Zifferblatt mit aufgedruckten Indexen, Tritium-beschichtet; ebenfalls mindestens noch eine graue Variante mit aufgesetzten Indexen erhältlich
Krone: Verschraubt
Glas: gewölbtes Plexiglas, bis ca. 5 mm hoch
Wasserdichtheit: 1000 Meter
Werk: Automatik, FHF 905, Datum-Schnellschaltung, 21’600 A/h, 25 Rubine, Incabloc-Stosssicherung, 25.6 mm Durchmesser
Funktion: Stunden, Minuten, Sekunden, Datum
Besonderheit: Dezentral platzierte Schraube auf Rückseite des Einschalen-Gehäuses
Damaliger Preis: unbekannt

 

Dieser Artikel wurde erstmals im Jahr 2007 veröffentlicht.

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