Omega Ultra Deep

Am 28. April 2019 erreichte Victor Lance Vescovo mit dem Tauchboot „Limiting Factor“ während der „Five Deeps“ Expedition im Pazifischen Ozean erstmals eine Tiefe von 10’928 Meter. Vor ihm hatte James Cameron am 26. März 2012 mit der „Challenger Deep“ eine Tiefe von 10’908 Meter geschafft, ein halbes Jahrhundert davor gingen Jacques Piccard und Don Walsh mit der „Trieste“ erstmals auf 10’916 Meter (die ursprünglich gemessenen 11’521 Meter wurden später korrigiert). Insgesamt vier* Menschen also, die es bislang auf den Grund des Marianengrabens geschafft haben, der mit 10’911 bis 10’994 Meter als tiefste bekannte Stelle unseres Planeten gilt. Piccard und Walsh waren dabei die Pioniere, die das Unmögliche am 23. Januar 1960 möglich machten, Cameron der erste Mensch, der sich am 26. März 2012 alleine runter wagte (und als Filmemacher mit neuen Technologien auch ganz andere Eindrücke für die Zurückgebliebenen mitbrachte), Vescovo der erste, der damit gleich „the bottom of all five of the world’s oceans“ auf der Liste persönlicher Lebensziele abhaken konnte. – Ein Vorhaben, das übrigens hervorragend in sein CV passt: Der Investor und frühere Offizier der US Navy kann bereits den „Explorer’s Grand Slam“ Titel für sich beanspruchen (was das Besteigen der „Seven Summits“ sowie das Erreichen des Nord- und Südpols bedingt) und hat als nun einziger Mensch, der am tiefsten und höchsten Punkt der Erde war, sein nächstes Ziel auch schon gefunden: „The real gold standard for me would be orbit. I’d love to see the sunrise from there“, liess er Forbes im Mai 2019 wissen.

Aber zurück zur „Five Deeps“ Expedition (die Vescovo übrigens mit 50 Millionen Dollar selbst vorfinanzierte): Den tiefsten Punkt des Atlantiks hatte er als erster Mensch bereits im Dezember 2018 geschafft (8’376 Meter), im Februar den Südlichen Ozean (7’235 Meter), im April den Indischen Ozean (7’192 Meter) und den Pazifischen Ozean im Juni (10’823 Meter). Den Marianengraben hat er als erster Mensch dabei gleich zweimal alleine betaucht: am 1. Mai 2019 tauchte er nochmals alleine auf 10’927 Meter ab. Und mit 248 Minuten hält er zeitgleich auch den Rekord für den längsten Aufenthalt am Boden des Marianengrabens (28. April 2019).

Omega Seamaster Ultra Deep

Welche Uhrenmarke er dabei an seiner Seite hatte, ist seit Juni 2019 auch kein Geheimnis mehr: „Als der Abenteurer Victor Vescovo […] auf den Grund des Marianengrabens steuerte, setzte er mit einer Tauchtiefe von 10’928 Metern einen neuen Weltrekord. Mit dabei […] war die Seamaster Planet Ocean Ultra Deep Professional von Omega“ liess die Bieler Marke am 20. Juni 2019 wissen. Wie Rolex in den Jahrzehnten davor hatte Omega, eine Marke, die bei Taucheruhren kaum noch jemandem etwas beweisen muss, den Anlass genutzt, um eine Konzeptuhr zu bauen, die mindestens bei einem der Tauchgänge dabei war.

Lünette, Gehäuse, Gehäuseboden und Krone des Technologieträgers bestehen aus Titan (Grade 5) und wurden von Ausschussteilen vom Rumpf des Tauchboots gefertigt. Die Bandanstösse sind in das Titangehäuse integriert und offen, um gemäss Omega „das Risiko zu verringern, dass beim Tiefseetauchen Materialbelastungsgrenzen überschritten werden, da sowohl die Uhr als auch das Armband hohen Traktionslasten ausgesetzt sein können“. Omega-intern wurde die Konstruktion aufgrund ihres Designs als „Manta-Bandanstösse“ bezeichnet.

Die Seamaster Professional Planet Ocean Ultra Deep hat einen Durchmesser von 52,5 mm Durchmesser (55 mit Krone) und eine Bauhöhe von 28 mm, im Innern kommt das Kaliber 8912 zum Einsatz. Insgesamt wurden drei Stück der Uhr hergestellt (alle wurden nach den Tauchgängen als Master Chronometer zertifiziert): Zwei Uhren waren an den Greifarmen des Tauchboots fixiert, eine an einem Lander. Witziges Detail: Offenbar ist eine der Uhren versehentlich unten geblieben und musste später geborgen werden, womit ungeplant auch der Titel für den längsten Aufenthalt an Omega geht.

Im Vergleich zur Rolex Deepsea Challenge (die ebenfalls bis 15’000 Meter getestet wurde) ist die Omega Ultra Deep also aufgrund 0.5 mm grösserem Werk insgesamt 0.9 mm grösser, dafür mit 28 mm Bauhöhe einen halben Millimeter weniger dick. Der wichtigste Unterschied aber liegt woanders, aus der Pressemitteilung: „Omega […] verwendete Liquidmetal, um eine robuste und doch flexible Verbindung von Saphirglas und Gehäuse sicherzustellen. Dank dieser innovativen, zum Patent angemeldeten Heissformbindung konnte auf den Einsatz von Polymerdichtungen verzichtet und die Dicke des Saphirglases reduziert werden“. Als Konsequenz dieser neuen Konstruktion ist das Saphirglas der Ultra Deep lediglich 9,5 mm dick, 4,8 mm dünner als bei Rolex.

Die Rolex Deepsea Challenge (2012) und die Omega Ultra Deep im Vergleich

Die drei Ultra Deep Uhren wurden zuvor in den Anlagen von Triton Subs in Barcelona unter Anwesenheit eines Sachverständigen des norwegischen Zertifizierungsspezialisten DNV GL Drucktests unterzogen. Der gewählte maximale Druck entsprach dabei der Tiefe des Marianengrabens, plus einer Sicherheitsmarge von 25%, insgesamt 1’500 bar oder 15’000 Meter Tiefe. Mit anderen Worten: allenfalls könnte die Seamaster Ultra Deep noch mehr Druck aushalten, das offizielle Prüfverfahren wurde aber nicht über diese Tiefe hinaus angewandt. Entsprechend trägt die Uhr auf dem Gehäuseboden den Zusatz „Tested -15000 m / 49212 ft“ und „DNV – GL Certified“. In diesem Kontext wird auch klarer, warum die Tiefenangabe auf dem Boden und nicht auf dem Zifferblatt zu finden ist – die Bestätigung der getesteten Tiefe kam schliesslich erst nach Fertigung der Uhr.

Der Gehäuseboden der Seamaster Planet Ocean Ultra Deep trägt unter anderem auch das Logo der „Five Deeps“ Expedition

Interessant aus Sicht des Konsumenten dürfte einerseits die verwendete Heissformbindung zwischen Glas und Gehäuse sein, die offenen Bandanstösse und die Zuordnung zur Planet Ocean Kollektion, die damit natürlich massiv gestärkt wird. Omega: „Ziel bestand darin, eine Uhr für eine sehr spezifische Aufgabe zu entwickeln, unter Einsatz von Technologie, die in der Zukunft industrialisiert werden könnte.“

Mit Blick in die Zukunft dürfte damit aber eine Neuauflage der Seamaster 1000 unwahrscheinlicher werden (obschon das Manta-Design der Bandanstösse hier perfekt umzusetzen wäre), wie auch die aktuell verfügbare Ploprof jetzt logischerweise nicht länger als Spitzenmodell der Marke gelten kann. Zudem hatte die Planet Ocean lange Zeit eher den Schutz des Meeres zum Inhalt, und nicht zwingend die Jagd nach Rekorden in selbigem.

Die Seamaster 1000 (1971) war instrumental für Omega bei der Einführung von Saphirgläsern, und bis 2009 auch die wasserdichteste Uhr der Marke

Etwas kritischer betrachtet bleibt somit die Frage, welche Relevanz 20 Meter mehr erreichte Tiefe in der Praxis für die Marke und deren Käufer haben. Denn so, wie der unschätzbare wissenschaftliche Wert der „Five Deeps“ Expedition durch die Ambitionen Vescovos etwas in den Hintergrund gerückt wurden, bleibt unklar, wie Omega das Thema für sich weiter kapitalisieren wird, und wie gut das Image des Rekordjägers zu einer Marke passt, die sich bislang eher für den Schutz der Meere stark gemacht hat. Aus technischer Sicht ist die Produktion einer bis 15’000 Meter wasserdichten Uhr nämlich schon längst kein Problem mehr, und seit Dezember 2018 gibt’s andernorts auch regulär eine Taucheruhr (zu kaufen), die bis zu 25’300 Meter garantiert wasserdicht bleibt.

In diesem Sinne wäre also bei aller Bewunderung für die Ultra Deep auch wünschenswert, das Augenmerk etwas darauf zu lenken, dass Vescovo am tiefsten Punkt der Erde Gegenstände gesichtet hat, die wahrscheinlich in die Kategorie Plastik-Abfälle gehören. – In dieser Kategorie gäbe es somit tatsächlich noch einiges zu tun.

Technische Daten

Hersteller: Omega
Modell: Seamaster Professional Planet Ocean Ultra Deep
Referenz: FOD – X1
Jahr der Vorstellung: 2019
Wasserdichtheit: 15’000 Meter
Gehäuse: 52.5 mm Durchmesser, 28 mm Höhe, 9.5 mm dickes Saphirglas, sandgestrahltes Titan (Grad 5); Saphirglas, einseitige drehbare Taucherlünette mit Keramikinlay
Werk: Omega Kal. 8912, METAS-zertifiziert, automatischer Aufzug, ca. 60h Gangautonomie, 29 mm Durchmesser, 25‘200 A/h, 38 Rubine
Band: Polyamidarmband mit Klettverschluss
Auflage: 3 Stück
Preis: nicht käuflich zu erwerben

Dieser Artikel wurde erstmals im Jahr 2019 veröffentlicht. Copyright Bilder: Omega

*Am 3. Mai 2019 tauchten auch noch Patrick Lahey und Jonathan Struwe mit der „Limiting Factor“ zum Marianengraben ab, am 5. Mai Patrick Lahey und John Ramsay, am 7. Mai Victor Vescovo und Alan Jamieson.