IWC GST Aquatimer

Statussymbol auf Tauchstation

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Die IWC GST Aquatimer wurde von den Besuchern der IWC Website im Frühjahr 2002 auf die hinteren Ränge der eigens durchgeführten Wahl zur „IWC Uhr des Jahres 2001“ gesetzt. Was auf den ersten Blick wie eine Abfuhr des Publikums erschien, entpuppte sich auf den zweiten Blick als logisches Resultat: Die hausgemachte Konkurrenz bestehend aus Portugiesern, Fliegern, Komplikationen, Repetitionen und Co. setzte die junge Taucheruhr mit Hang zum Understatement ganz klar unter Wasser und widersprach somit der wachsenden Popularität des Tiefseetauchers aus Schaffhausen, der sich in den letzten Jahren einen festen Platz in der Fachwelt erarbeitet hat. Oder andersrum gesagt: Man muss das 175g Schwergewicht schätzen lernen. Und das braucht eben seine Zeit.

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Einleitung: Äpfel und Birnen mit Tiefgang

Wer von Taucheruhren spricht, denkt auch immer an Rolex und somit an die Submariner resp. an die Sea-Dweller. Insofern überrascht auf den ersten Blick der Mut des Herstellers, die GST Aquatimer nicht nur thematisch, sondern auch preislich in direkter Konkurrenz zur Submariner/Sea-Dweller zu platzieren. Auf den für diese Uhr charakteristischen zweiten Blick jedoch lassen sich schnell genügend Unterschiede ausmachen, die diesen Schritt rechtfertigten, und die leidige Frage nach „Ist die echt?“ hat es sicher verdient, als erstes Differenzierungsmerkmal zur Rolex genannt zu werden. Mehr hierzu später. Vorausgeschickt werden muss an dieser Stelle, dass Normen wie zum Beispiel eine DIN 8306 bereits sehr enge gestalterische Freiräume setzen und dadurch ihren Teil dazu beigetragen haben, Taucheruhren mehr oder weniger ähnlich erscheinen zu lassen. Ebenfalls muss auch der Frage nach dem tatsächlichen Einsatzzweck der Uhr Tribut gezollt werden, die je nach Feature (z.B. Heliumventil) unterschiedlich hitzige Debatten unter uhrensammelnden Tauchern und Taucheruhren-sammelnden Whirlpoolbesitzern auslöst.

Fakt ist, die meisten Taucheruhren werden nie viel tiefer als bis auf den Grund der heimischen Badewanne tauchen, und so drehen sich Gespräche über die jüngste Anschaffung am Handgelenk schnell um rechtfertigende Details und historische Anekdoten aus der Welt der mechanischen Uhr. Diesem Wunsch sei hier und jetzt mit einer Kurzfassung entsprochen:

Die Entwicklung der Taucheruhr: Als Armbanduhren schwimmen lernten

Ehre, wem Ehre gebührt: ca. 1926 legte der Rolex-Gründer Hans Wilsdorf den Grundstein zur zuverlässig wasserdichten Uhr, indem er mit Gespür für Technologie und sicherlich auch für geschicktes Marketing das Patent von Paul Perregaux und Georges Peret der verschraubten Krone erwarb und in Form der Oyster (Auster) perfektionierte. Als 1927 Mercedes Gleitze den Ärmelkanal mit einer Rolex durchschwamm, war somit nicht nur ein uhrmacherischer Meilenstein gelegt, sondern auch die Zukunft des Unternehmens programmiert. Das System aus verschraubtem Boden und neu auch verschraubter Krone war für damalige Standards unschlagbar und insbesondere der damalige Trend zur rechteckigen und somit schwierig abzudichtenden Uhr erschwerten nicht nur die Bemühungen anderer Hersteller, Ähnliches zu erreichen, sondern führten auch zu faszinierenden Entwicklungen wie z.B. der Omega Marine (um 1932), die zur Abdichtung in ein zweites, quasi als Verschluss dienendes Gehäuse eingeführt wurde (Patent 146.310).

Begründet ist das Streben nach dichten Uhrgehäusen mit der damals wachsenden Salonfähigkeit der Armbanduhr, welche den Träger – ganz im Gegensatz zur Taschenuhr – nun dauerhaft bei seinen Aktivitäten begleitete und dementsprechend nicht nur neue Möglichkeiten der Zeitmessung erlaubte, sondern auch mit grundsätzlich neuen Anforderungen zu kämpfen hatte. Während also anderweitig Uhren fürs Polospiel (JLC Reverso) entwickelt wurden, war der Vorsprung von Rolex auf dem Gebiet der langfristig dichten Uhr in tiefen Wassern praktisch nicht einzuholen, und Engagements wie z.B. für die militärischen Taucheruhren von Panerai erhöhten den Wissens-Abstand respektive die Reputation noch mehr.

Dennoch sollten anderweitig schnell auch andere Konzepte zur wasserdichten Uhr greifen: In der Zeit des Zweiten Weltkriegs begründete nicht nur die italienische und deutsche Marine den erhöhten Bedarf nach wasserdichten Uhren zu militärischen Zwecken, auch anderswo wurde fleissig entwickelt: Speziell in den USA und der Sowjetunion begegnete man den Anforderungen mit den sog. „Canteen Watches“ (z.B. von Waltham, Hamilton und Elgin), die die Kronenploblematik durch eine überdimensionierte, verschraubbare Kronenkappe (resp. Überwurfmutter) lösten, wie sie heute z.B. um einiges dezenter noch bei den Pasha Modellen von Cartier zu finden ist. Der Durchbruch der uns heute quasi als Synonym geläufigen Taucheruhren mit äusserem, rastenden Drehring zur Einstellung der Tauchzeit kam jedoch erst später: Im Jahre 1953 nämlich, als wiederum Rolex, mit der Ref. 6204 Submariner (zeitgleich mit der Fifty Fathoms von Blancpain), diese ebenso sinnvolle wie sportliche Kombination in Basel vorstellte, welche sich in ihren Grundzügen bis heute zwar kontinuierlich, aber äusserlich nicht gross verändert hat.

Es folgten etliche Tiefenrekorde des Unternehmens (z.B. mit der Trieste), „Nebenrollen“ von Submarinern in James Bond Büchern und Filmen, Armee-Aufträge, Kooperationen mit Comex (die zur Entwicklung des Heliumventils führten und schlussendlich zur Sea-Dweller) und so weiter und so fort, die – gepaart mit salonfähiger Nachfrage – zu den wohl bekanntesten und ausgereiftesten Sportuhren überhaupt führten.

In Schaffhausen liess man sich Zeit

IWC Aquatimer (1969)

IWC Aquatimer (1969)

Erst im November 1966 stellte IWC ihre Antwort auf die steigende Nachfrage nach Uhren für den Taucheinsatz mit der Ref. 1812 (Kal. 8541, teilw. auch als Ref. 812AD geführt) vor. Das Modell mit dem Namen Aquatimer, einer bezeichnenden Herleitung von „Wasser“ (Aqua) und „Zeitmesser“ (Timer), war bis 200m wasserdicht und kann als eine gelungene Interpretation des ursprünglichen Ingenieur-Designs bezeichnet werden. Und mit einem damaligen Verkaufspreis von rund 550 Franken zählte die Aquatimer schon damals zu den eher teuren Taucheruhren. IWC setzte wie Enicar (Sherpa), JLC (Polaris, Deep SeaMasterMariner und DeepSeaAlarm), Universal, Vulcain (Cricket Nautical) etc. auf den innenliegenden Drehring, welcher in diesem Fall anhand der bei 2 Uhr liegenden zweiten Krone eingestellt werden konnte und bot die Uhr in drei Zifferblattvarianten an (schwarz und silber sowie schwarzer Drehring auf silbernem Blatt). Sowohl Krone wie auch Bodenverschluss verfügten als Besonderheit über einen automatischen Druckausgleich; sprich eine Spannfeder sorgte für den jeweils benötigten Druck auf den Dichtungen (wie das bei allen Compressor-Gehäusen der E. Piquerez SA der Fall war).

Oder mit den damaligen Worten (IWC Katalog aus 1972): „Die Aufzugskrone mit dem automatischen Druckausgleich (CAT). Der Kopf der Aufzugsachse liegt in einem Kunststoffkörper eingebettet, der sich satt an den Kronenkragen schmiegt. Um den Kunststoffkörper liegt eine Druckfeder, die ihn nur soweit spannt, als es der äussere Druck erfordert. (…) Beim Tauchen arbeitet der äusere Wasserdruck in der Richtung wie die Spannenfeder. (…), was den Widerstand gegen den Eindringen von Wasser erhöht.“ Und punkto Boden: „Für die Aquatimer (…) sorgt eine Druckfeder für die richtige Spannung, und zwar unabhängig, wie fest der Boden eingeschraubt wurde.“

Als Bandvarianten waren ein schwarzes Tropical-Band sowie ein Stahlband erhältlich.

Das besagte Modell zählt heute zu den gesuchteren IWC-Modellen und ist erfahrungsgemäss schwieriger zu finden, als manche Vertreterin der legendären Mark-Serie. Preise liegen gegenwärtig (also 2002) bei rund 5000 Euro, Tendenz steigend.

Um 1968 folgte ergänzend die Ref. 1816 (Kal. 8541 B, teilw. auch als Ref. 816AD geführt), nun mit (schon für damalige Verhältnisse grossem) kissenförmigem Gehäuse und bereits wasserdicht bis 300m. Sie verfügte erneut über den technisch heiklen innenliegenden Drehring und überraschte durch drei Zifferblattvarianten mit Farbverläufen in schwarz, braun/rot und blau/grün. Gerade die exotischeren blau/grünen Farbversionen sind heute vergleichsweise einfach auf dem Sammlermarkt zu finden, jedoch stellt sich hier eher die Problematik der meist katastrophalen Zustände der Uhren sowie der doch arg Siebziger-orientierten Zifferblattfarben und Gehäuseform. Preise liegen gegenwärtig bei rund 3000 Euro, Tendenz ebenfalls steigend.

Im August 1978 folgte aufgrund technischer Schwierigkeiten die Ref. 1822 quasi als Austauschuhr zur Ref. 1816. Einziger sichtbarer Unterschied: Die fehlende Bodengravur (polierter Boden ohne dem, für jede Aquatimer charakteristischen, eingravierten U-Boot). Sowohl die Ref. 1812 als auch die Ref. 1816/1822 wurden in den Jahren ihrer Produktionszeit gemeinsam angeboten.

1982 kam, nach insgesamt 2000 hergestellten Exemplaren der Ref. 1812, 1816/1822, das vorläufige Ende des kurzen Auftritts des Namens Aquatimer in der Uhrenbranche. 1978 trat die Zusammenarbeit mit Porsche in den Vordergrund, daraus resultierte 1980 die erste seriengefertigte Armbanduhr in Titan, und von 1984 bis 1998 im Bereich der Taucheruhren die PD Ocean 2000 (Ref. 3504) und ihre kleine Schwester Ocean 500 (Ref. 3503), wobei bei der Ocean 2000 erstmals ein sphärisch geschliffenes Saphirglas mit einer Stärke von 3.7 mm zum Einsatz kam. Nebst der beachtlichen Wasserdichtheit setzte IWC nun erstmals auf den klassischen, aussenliegenden Drehring mit Leuchtpunkt. Dieser konnte nur dann bewegt werden, wenn er an zwei gegenüberliegenden Punkten runter gedrückt wurde.

Mit der Ocean konnte IWC sogar das erste mal eine Taucheruhr ausschliesslich für militärische Zwecke entwickeln: Mit der Ocean „Bund“ (erkennbar u.a. am dunkleren Drehring) wurde IWC den Bedürfnissen der deutschen Bundesmarine (insbesondere Minentaucher) gerecht und legte somit den Grundstein für eine steile spätere Karriere im Sammlermarkt jenseits der 10’000 Euro-Grenze. Es sind dies die Kampfschwimmer-Quarzuhr (Ref. 3314 und 3315), die Taucheruhr mit automatischem Werk (Ref. 3509 und 3529) sowie die o.e. Minentaucheruhr mit automatischem Werk (Ref. 3519), gleichzeitig die erste amagnetische Uhr überhaupt. Preise liegen gegenwärtig bei Euro 10000, meist jedoch bei 15000 Euro.

Die Aquatimer taucht wieder auf

1997 war es fast schon soweit: Mit der im September in Vicenza (siehe hierzu Watch International 4/97) vorgestellten GST-Linie (GST als Abkürzung für Gold, Stahl und Titan) war einerseits ein würdiger Nachfolger der Porsche-Linie zur Hand und andrerseits die Plattform geschaffen, um kurze Zeit später den vorläufigen Höhepunkt der IWC Taucheruhren-Kompetenz vorzustellen: Die 1998 vorgestellte Ref. 3536 (Kal. 37524), nun um die Bezeichnung „GST Aquatimer“ erweitert, war, 30 Jahre später, wieder erstaunlich nahe am ursprünglichen Zifferblatt-Design von 1967, hielt gar den Ocean 2000 „Rekord“ und demonstrierte mit dem Banddesign zusätzlich enorme Nähe zur letzten Generation der Genta-Ingenieur. Der aussenliegende Drehring wurde ebenfalls von der Ocean übernommen und fand nun erstmals Einsatz in der Aquatimer-Familie. Einzig die nicht nur für Taucheinsätze hervorragend platzierte Krone bei 4 rückte nun erstmals hoch zur 3. Drei Varianten waren erhältlich: Titan mit schwarzem Zifferblatt (Ref. 3536-001), Stahl mit schwarzem Zifferblatt (Ref. 3536-002) sowie eine Stahlversion mit versilbertem Zifferblatt und vergoldeten Indexen und Zeigern (Ref. 3536-003), wovon Letztgenannte seit 2002 nicht mehr im Katalog zu finden ist. – Wer weiss, so wie sich die Ocean 2000 vom ursprünglichen Ladenhüter zum gesuchten Sammlerstück entwickelt hat, so könnte in Zukunft auch die GST Aquatimer mit silbernem Zifferblatt eine steile Karriere vor sich haben. Übrigens: Eine Goldvariante sucht man (glücklicherweise) vergebens, das zu weiche Material hätte den Druck-Anforderungen nicht gerecht werden können.

Es sollte noch ein weiterer Wassersportler innerhalb der GST-Linie erwähnt werden: Mit der im Katalog 2002 letztmals aufgeführten Ref. 3527 „GST Deep One“ (Kal. 8914) in Titan, mit mechanischem Tiefenmesser und Schleppzeiger für die Maximaltiefe, dürfte 1999 wahrscheinlich der ultimative Leistungsausweis in Sachen uhrmacherische Kompetenz bei Taucheruhren erbracht worden sein (und gleichzeitig das IWC-eigene Limit in Sachen Produktionsaufwand erreicht worden sein). Ein Modell übrigens, das bereits während seiner Produktionszeit recht schwierig zu finden war, und ironischerweise wieder mit dem bis anhin Aquatimer-typischen innenliegenden Drehring ausgestattet war.

Ein Klassiker?

Im Vergleich zur Rolex Submariner oder z.B. zu den Seamaster Professional Modellen von Omega fehlen der IWC GST Aquatimer nicht nur ein paar Jahre Modellpflege, es fehlen auch die historischen Momente, die schlussendlich die Legende ausmachen; kleine Facetten, die aber gut und gerne zum ebenso gut gepflegten wie gesteuerten Mythos einer Armbanduhr beitragen.

Und dennoch hat es IWC schon mehrmals geschafft, in vergleichsweise kurzer Zeit einen Klassiker zu schaffen. Das Rezept hierzu lautet kompromisslose Qualität.

Es kann deshalb gesagt werden, dass trotz aller geschichtlichen Schaffhauser Wasserscheu bereits mit dem Namen Aquatimer ein Klassiker geschaffen wurde. Ob hingegen die GST Aquatimer als baldiger Klassiker dastehen wird, lasse man Markt und Modellpolitik entscheiden. Dass man ihr das nötige Rüstzeug mit auf den Weg gegeben hat, ist jedoch sicher.

Augenschein

Zifferblatt/Zeiger

Zwei Dinge seien besonders gelobt: Ruhiger und übersichtlicher lässt sich ein Zifferblatt fast nicht gestalten (Puristen würden sicherlich schätzen, das Wort „Automatic“ auf dem Gehäuseboden zu finden). Zweites positives Merkmal ist die Wahl der schwarzen Datumsscheibe, die sich dezent ins Zifferblatt einfügt. Eine etwas überraschende Lösung wurde hingegen bei der Leuchtmasse gewählt: Zeiger und 12 Uhr Markierung leuchten deutlich intensiver als die Stundemarkierungen. Der Grund liegt in der aufwendigen Einbettung der Leuchtmasse in den eingefassten Kunststoff der applizierten Indexe (Stahlversion), was notabene bei der herkömmlich aufgetragenen Leuchtmasse der Zeiger nicht zutrifft.

Bei den ersten Modellen (erkennbar am unten rechts gezeigten Zusatz „T“ für „Tritium“, bis ca. 2000) wurde dieser Effekt noch durch Einsatz unterschiedlicher Leuchtmassen erzielt, wie sich diese in Bezug auf Alterung verhalten, lässt sich wohl erst in ein paar Jahren herausfinden. Es dürfte sich bei IWC jedoch als Kinderspiel erweisen, auch in ferner Zukunft noch ein Austausch-Zifferblatt zu erhalten.

Ebenfalls verfügen ältere Modelle teilw. über eine stärkere Musterung in den schwarzen Flächen des Tauchrings sowie über ein leicht glänzenderes schwarzes Zifferblatt.

Neuere Versionen verfügen ausschliesslich über Superluminova-Leuchtmasse (SL), erkennbar am fehlenden „T“. Es soll jedoch auch eine SL-Zwischenvariante geben, welche über die grössere Aussparung in der Minuterie für den Schriftzug „T SWISS MADE T“ verfügt, wahrscheinlich, um die bis auf den „T“-Zusatz bereits bedruckten Zifferblätter noch aufzubrauchen. Die jüngsten Modelle (vermutlich ab September 2002 gefertigt) verfügen nochmals über eine neue Leuchtmassen-Mischung, die zwar weniger hell, dafür länger nachleuchtet. Zurück zum hier gezeigten Modell: Die aufgesetzten, rhodinierten Stundemarkierungen der Stahlversion sind makellos verarbeitet und lediglich die fehlende Leuchtmarkierung auf dem Sekundenzeiger dürfte einer Taucheruhr, streng nach DIN, Abzüge einbringen.

Gehäuse/Krone

Gross und robust. Bei ihrer Grösse (42mm Durchmesser, 14,5mm Höhe) ist anzumerken, dass eine Omega Speedmaster mit ähnlichen Dimensionen aufwartet, die GST Aquatimer aber wegen fehlender „Schnörkel“ wie z.B. fehlender Chronographen-Drücker sowie der abstehenden „Hörner“ grösser wirkt. Der Verdacht erhärtet sich nach der ersten Anprobe: Die Uhr in Stahl (AISI L316) ist nicht nur schwer (175g), sie scheint relativ gross im Vergleich zu gängigen Formaten dieser Zeit.

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Deshalb sei jedem Interessierten zuerst ein (wie schon gesagt, für diese Uhr charakteristischer) zweiter Blick, am besten in den Spiegel empfohlen, der diesen meist subjektiven Eindruck schnell korrigiert.

Ein weiteres Merkmal: Die Aquatimer verfügt als eine der wenigen tiefseetauglichen Sportuhren (ohne Sillikon-Füllung und dergleichen) über kein Heliumventil. – Da jede einzelne ausgelieferte Uhr einem tatsächlich getesteten Druck von 200 Bar (also rund 1.8 Tonnen) und alleine das Glas einem Überdruck von 10 Bar zu widerstehen vermag, wäre dies a) der Gesamtstabilität des Gehäuses minimal hinderlich und b) nicht nötig. Abgesehen davon, dass der Bedarf nach Taucheruhren mit Heliumventil für den realen Einsatz ohnehin recht klein ist. Und sollte aus irgendwelchen Gründen dennoch ein Heliumventil unverzichtbar sein, so lassen sich während der Dekompressionsphase auch ängstliche Gesellen in der Kammer mit Aufschrauben der Krone beruhigen.

Ebenfalls auffallend ist, dass IWC aufgrund der gewählten Tubus-Konstruktion auf einen zusätzlichen Kronenschutz verzichtete, im Prinzip aber mit demselben dreifachen Dichtungssystem wie Rolex arbeitet (einziger Unterschied: die Krone wird innen verschraubt, schraubt sich also auf der Innenseite des Rohrs zu). Aus ästhetischen Gründen ist die Entscheidung sehr begrüssenswert.

Und, ganz selten anzutreffen, sobald es um Logos und dergleichen auf Kronen geht: Der gravierte Fisch auf der Krone (stellvertretend für jede wasserdichte IWC) lässt sich exakt vertikal positionieren.

Mit Hornhaut am Handrücken ist ebenfalls nicht zu rechnen, denn im Gegensatz zur aktuellen Omega Seamaster Professional lässt der dicke Gehäuseboden die griffige Krone genug hoch stehen, um den Handrücken zu schonen. Diesen massiven, 4 mm dicken Gehäusedeckel ziert wie schon seit 1966 die (in diesem Fall etwas scharfkantige) Gravur eines Unterseebootes, welches wahrscheinlich ein spätes WWII U-Boot darstellt.

Band/Schliesse

Im Gegensatz zum klapprigen Band der Rolex begeistert die Aquatimer mit einem massiven, hochwertigen Stahlband. Rolex sei hier jedoch zu Gute gehalten, dass die Klapprigkeit nicht ohne Grund kommt: Gewichtseinsparung dank noch teurer zu produzierenden hohlen Bandgliedern, bewährte Stabilität sowie preiswerter Ersatz der Schliesse hatten in diesem Fall berechtigten Vorrang.

Als Alltagsuhr gilt für die GST Aquatimer: IWC überzeugt mit dem wohl genialsten Bandsystem überhaupt: Mit zwei Stiften und zwei Handbewegungen können einzelne Glieder im Nu ausgetauscht werden. Dies erklärt auch, weshalb die GST Aquatimer ohne Tauchverlängerung auskommt: Das optionale Klettverschlussband (Artikel A04920 für Titan, A04925 für Stahl) ist a) geeigneter für Tauchgänge als jedes Metallband und b) bei Bedarf sehr schnell montiert. – Wenn es denn serienmässig dabei gewesen wäre…

Im Gegensatz zur 1998 vorgestellten Klettbandversion (Prototyp) mit hellen, Stahlband-imitierenden eingestickten Rechtecken, ist das aktuelle Klettband einfarbig.

Ein Nachteil bleibt dennoch; das proprietäre Bandsystem der Aquatimer erlaubt wenig Veränderung – noch: Ab 2004 wird zusätzlich ein Kautschukband erhältlich sein. Ebenfalls sollte rein theoretisch jede (passend breite) Art von Band ans Verbindungsstück des Klettbandes montiert werden können. Und mindestens ein für ein anderes Modell erhältliches Stoffband passt ebenfalls.

Zurück zur Serienausstattung: Die massive Konstruktion des Stahlbandes sorgt für ein ideales Gegengewicht zum Gehäuse und somit für angenehmen Tragekomfort trotz hohem Gewicht. Zu kritisieren bleibt die hohe Anfälligkeit für Kratzer und Fingerabdrücke im Bereich der polierten Elemente sowie die Unmöglichkeit der flachen Platzierung der Uhr auf dem Nachttischchen (oder treffender: dem Kajütenbett). Mit Letzterem lebt es sich aber erstaunlich gut, und punkto Kratzer bieten sich zwei Optionen an: Ein guter Konzessionär kann auf Anfrage das gesamte Band satinieren und Kratzer auf Stahl lassen sich in der Regel einfach aufpolieren.

Zur Schliesse kann gesagt werden: Für Tauchgänge zu schade und eher ungeeignet (siehe Abschnitt Klettverschluss oben), da es in ganz, ganz seltenen Fällen zum ungewollten Öffnen des Verschlusses kommen könnte (es müsste sich aber wirklich um einen sehr unglücklichen Zwischenfall handeln, schliesslicht ist es die selbe Schliesse, die seit Jahren beim Fliegerchrono hervorragende Arbeit leistet).

Ansonsten überdurchschnittlich hohe Alltagstauglichkeit, Detailliebe (z.B. Perlschliff innen) und Verarbeitungsqualität.

Lünette

Annähernd zwei Stunden werden benötigt, um aus einem Metallring die Lünette einer Aquatimer werden zu lassen, und nicht zuletzt deshalb ist sie unerreichte Spitze: Unter Wasser ist sie in der Gruppe Submariner/Seamaster die einzige, die sich sowohl mit als auch ohne Handschuhe bequem drehen lässt und bombensicher arretiert bleibt. Über Wasser verhindert dieselbe Konstruktion dafür jeglichen männlichen Spieltrieb und dürfte langfristig jede Hemdmanschette klein kriegen… Pate stand bei der Entwicklung der Einkerbungen wohl die erfolgreiche Nahkampf-Verteidigung gegen wildgewordene Seekühe.

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Optisch ist die Lünette sicher eine der schönsten; sollte sie jedoch ersetzt werden müssen, zeigen sich natürlich wieder die Vorteile einer Aluminium-Einlage à la Rolex und Omega auf der Rechnung.

Ebenfalls erfreulich: Die 12 Uhr Markierung rastet sauber bei 12 Uhr ein, und mit dem mitgelieferten Schraubenzieher lässt sich der gesamte Drehring bei Verschmutzung schnell entfernen und reinigen.

Die Zusammenarbeit während der Entwicklung der GST Aquatimer mit professionellen Tauchern hat sich gelohnt: Die griffige, mattschwarz verchromte Lünette mit polierten Reliefzahlen kann erst dann bewegt werden, wenn sie an mindestens zwei gegenüberliegenden Punkten nach unten gedrückt wird.

Werk/Gang

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Rolex = Manufakturkaliber, IWC = ETA-Stangenware. Und schon geht der unberechtigte Streit los. Berücksichtigt man nämlich die tadellose Verarbeitung und aufwendige Modifizierung des Werks (ältere Modelle übrigens mit vergoldetem, jüngere mit vernickeltem Werk) durch IWC bis hin zur berechtigten eigenen Kaliberbezeichnung, sowie den ohnehin schon tadellosen Charakter des Ur-Kalibers (ETA 2892-2), sollte jeder rational denkende Mensch nur zu einem Schluss kommen: Beides sind unbestritten hervorragende, hoch-entwickelte Werke und werden den hohen Erwartungen ihrer Träger mehr als gerecht. Und obschon IWC aus grundsätzlichen Überlegungen keine COSC-Prüfung mehr vornimmt, liegen die Gangergebnisse auch ohne Zertifikat auf höchstem Niveau (+/-1 Sek./Tag im vorliegenden Fall). Lediglich beim Kältetest schnitt ein vom Uhren Magazin (Ausgabe 9/2001) getestetes Exemplar unbefriedigend ab. Also Vorsicht beim beliebten Massensport „Eistauchen in polaren Regionen“…

Verpackung

Nicht umwerfend aber solide. Vergleichbar mit dem Etui von Omega, schöner gearbeitet als die Einsteigs-Schachtel von Rolex, aber nichts im Vergleich zu Panerai oder den Holzschatullen von IWC fürs Hochpreis-Segment. Im Lieferumfang enthalten sind Karton-Überbox, Leder-Box und -Kissen, zwei Stifte für den Bandwechsel, ein Schraubenzieher für die Lünette (und Ersatzklingen im Schaft) sowie Bedienungsanleitung und Garantiekarte für neuerdings zwei Jahre. Einen Schnorchel mit IWC-Gravur sucht man indes vergebens…

Tiefenrausch resp. Fälschungsgefahr

Gegenwärtig tauchte zwar noch keine Kopie einer GST Aquatimer auf, die Gefahr besteht dennoch: Mit zum Teil mässig bis gut getroffenen Kopien der Deep One, der GST Alarm und des GST Chrono dürfte die Fertigungsbasis für Titan-Kopien in Fernost gelegt sein. Einzig die unter dem Label „Berne“ in den Staaten erhältliche Hommage dürfte momentan einen prüfenden Blick wert sein, aber schnell als das erkannt werden, was sie ist: Keine IWC.

Fazit

Mit der GST Aquatimer hat IWC die wohl einzige echte Alternative zur Submariner/Sea-Dweller im Programm. Und ohne am Mythos Submariner rütteln zu wollen, so merkt man dem Genfer Pendant im Vergleich zur Aquatimer in mancher Hinsicht an, dass es etwas in die Jahre gekommen ist.

IWC_GST_Aquatimer_2000_Front_Submerged_Corall

Wer also nicht unbedingt ständig die Frage „ist die echt“ hören möchte und nicht unbedingt nach einem von weit erkennbaren (echten oder unechten) Statussymbol sucht, hat hier eine mindestens ebenbürtige und erfrischend eigenständige Taucheruhr für alle Gewässer dieser Welt. Stabil, schnörkellos und perfekt bis ins kleinste Detail ist sie die ideale Begleiterin für den Alltag. Und dem Taucher, der seine Schätze lieber mit nach unten nimmt, als umgekehrt, sei sie ebenfalls wärmstens empfohlen. Wenn es jedoch um Geschichte, Wiedererkennungs- und (noch) Wiederverkaufswert geht, hat Rolex die Nase vorn. Bei der Tauchtiefe führt zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels Breitlings Seawolf seit Basel 2002 mit sagenhaften 3000 Metern. Bei der Extravaganz seit Genf 2002 JLCs Neuauflage der Compressor, die noch zusätzlich eine Weckfunktion mitbringt und wahrscheinlich den sich abzeichnenden Trend zur Taucheruhr mit innenliegender Dreh-Lünette voll anheizt. Und natürlich Vulcain, die nach erfolgter Reanimation ebenfalls wieder mit der Cricket-Nautical vertreten ist. Modebewusste greifen lieber zur Panerai, Preisbewusste eher zur Omega Seamaster Professional. Und wenn es um Eleganz geht, liegt schlussendlich der Griff zur UN Marine-Diver, zur Hochglanz-GP Seahawk II oder zur Blancpain Fifty Fathoms nah, die aber beide jeden Barracuda im Umkreis von 50 Seemeilen anlocken dürften.

Die IWC Aquatimer hat indes, was jede IWC hat: Tiefgang. Dieses mal nur etwas wörtlicher.

 

Technische Daten

Modell: IWC GST Aquatimer, Ref 3536
Durchmesser: 42mm, Höhe: 14.5mm
Gewicht: ca. 175g (Titanversion: ca. 116g)
Drehring: Einseitig drehbarer, einrastender Tauchring mit polierten Relief-Zahlen, gesichert gegen unbeabsichtigtes Verstellen
Band: proprietäres IWC Metallbandsystem mit Sicherheitstastenverschluss, keine integrierte Tauchverlängerung; alternativ Velcro-Band
Zifferblatt: Aufgesetzte, rhodinierte Stundemarkierungen, dunkelgraues/mattschwarzes Zifferblatt Krone: Innen verschraubt, 6.6 mm Durchmesser, 3 Dichtungen, separater Kronentubus
Glas: Bombiertes Saphirglas, Härte 9 (nicht entspiegelt aufgrund Glasdicke von 2.7 bis 3.7mm)
Preis Stahlversion: CHF 5000.- (2002), CHF 4750.- (2001), CHF 4450.- (2000)
Optionen: Schwarzes Velcro-Band mit Klettverschluss (Titan- und Stahlausführung, Nr. A04920 und A04925) für den Taucheinsatz.
Wasserdichtheit: 2000 m / 200 Bar
Varianten: Titan-Gehäuse mit schwarzem Zifferblatt, weissen Zeigern und weissen, aufgesetzten Stundenmarkierungen.
Spezielles: Ebenfalls war bis 2001 eine Stahlversion mit silbernem Zifferblatt (ca. 600 bis 800 Exemplare), goldenen Zeigern und goldenen, aufgesetzten Stundenmarkierungen erhältlich. Das Modell liegt auch noch vereinzelt bei Händlern.
Hinweis: Aufgrund der grösseren Preisnachlässe bei der weissen Version tauchen bereits vereinzelt Umbauten auf: Die weisse ZB-Version wurde hierbei mindestens mit dem schwarzen ZB der Titan-Version umgerüstet, bleibt jedoch anhand der weissen Datumsscheibe leicht als Umbau erkennbar.
Werk: Automatik-Kaliber 37524 (basierend auf ETA 2892-2), 42 Stunden Gangreserve, 21 Rubine, Zentralsekunde mit Stoppvorrichtung, Datumsscheibe schwarz mit weisser Schrift, 28’800 A/h, Glycidur-Unruh, Nivarox-Spirale, stosssicher und antimagnetisch

Literatur

IWC Sammelband (1998 bis 2003)
Chronos Spezial Sport 2/2001, ab Seite 43 sowie der identische ausführliche Test in englisch ab Seite 36 der IWC Aquatimer in Titan mit Klettverschluss, Breitling SuperOcean und Panerai Submersible in WatchTime, Ausgabe August 2002 (Testsieger in beiden Fällen: IWC)
Uhren Magazin 9/2001, ab Seite 28: 14 Taucheruhren im Härtetest, Breitling, Citizen, Fortis, Hublot, IWC, Jacques Etoile, Limes, MarcelloC, Omega, Oris, Sinn, Tag Heuer, Tudor und Tutima (Testsieger in diesem Fall Breitling, IWC auf Platz 3)
Armbanduhren 2/01, ab Seite 88: Vergleichstest ohne Fazit von IWC, Tag Heuer, Breitling, Panerai, Sinn, Hublot, Rolex
Uhren Magazin 11/2000, ab Seite 44 vortrefflicher Bericht über die IWC GST Aquatimer
Chronos Special Sport August/September 2000, ab Seite 49 „12 Sportuhren mit Charakter“
Uhren Magazin 6/2001, ab Seite 70: Thema Wasserdichtheit
Armband Uhren 4/02, ab Seite 80: Portrait der IWC mit einigen Bildern der getesteten Aquatimer
Uhren Magazin 6/2003 ab Seite 44, Vergleichstest von fünf 1000 Meter und mehr wasserdichten Uhren (Sinn, Breitling, TAG, IWC und Panerai), Testsieger Breitling.
Und natürlich: Watch International, das Kundenmagazin der IWC, besonders Ausgabe 3/02 mit grossem Special zu den Taucheruhren der IWC sowie Ausgabe 2/98 zur Lancierung der GST Aquatimer.

 

Dieser Artikel wurde erstmals im Jahr 2002 veröffentlicht.

4 Kommentare zu “IWC GST Aquatimer

  1. Toller informativer Bericht den ich als Besitzer einer Aquatimer GST voll bestätigen kann.

  2. Gibt es Pro/Contra zur Titanversion vs. Stahl (ausser dem offensichtlichen des Gewichtes)?
    Danke

    • Subjektiv ist die Stahlversion vermutlich etwas eleganter und mutet hochwertiger an (Gewicht, unterschiedliche Finishes, gefasste/aufgesetzte Indexe); dafür liegt die etwas zurückhaltendere, gänzlich matte Titan-Version näher an der Pionierrolle von IWC, als erster Hersteller durchgehend Titan für Gehäuse und Band verwendet zu haben.
      Auffrischung von Titan etwas komplizierter, dafür gilt Titan wieder als etwas korrosionsbeständiger, was aber Otto-Normalverbraucher auch bei der Stahlversion nicht merken dürfte.
      Ergo: objektiv dürfte höchstens das Gewicht ins selbige fallen, die Mehrheit der Unterschiede dreht sich aber um den persönlichen Geschmack des Trägers.

      • Danke. Nachdem die Stahlversion mit 175g tatsächlich ein ziemlicher „Klopper“ ist, mutet die Titan etwa alltagstauglicher an. :)

        Gruß

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