Bronze Whitepaper

2011 startete Panerai mit der Luminor Submersible 1950 Bronzo (PAM00382) einen Trend im Gehäusebau, der Sammler und Träger in zwei Lager teilt: die einen lieben den ultimativen Personalisierungsfaktor, die anderen verstehen nicht, warum man absichtlich Geld für einen Gegenstand ausgeben kann, der anschliessend sichtbar am Handgelenk zu altern beginnt.

Die Tudor Taucheruhrenkollektion umfasst mittlerweile Stahl (im Hintergrund), Titan (Mitte) und seit 2016 auch Bronze.

Panerai war dabei nicht der erste Uhrenhersteller, der – gerade mit Blick auf den maritimen Verwendungszweck – mit dem Metall zu experimentieren begonnen hatte, aber definitiv die Marke, die Bronze auf breiter Linie zum Durchbruch verhelfen sollte. – Zuvor galt beim Gehäusebau lange die optische Beständigkeit des Produktes wichtiger, als die durchaus vorhandenen positiven Eigenschaften von Bronze als Alternative zu Edelstahl und Titan ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Mittlerweile und aufgrund des oftmals hohen kommerziellen Erfolgs von (i.d.R. limitierten) Uhren mit Bronze-Gehäuse gibt es von Anonimo bis Zenith eine stattliche Anzahl Uhren, die am Handgelenk die Bronzezeit anzeigen.

Das gibt es vor dem Kauf zu beachten:

Christopher Ward C60 Trident "Ombré"
Christopher Ward C60 Trident „Ombré“ – nach 3 Wochen am Handgelenk zeigen sich erste Spuren einer Kupferpatina am Gehäuse. Das 2018 vorgestellte Modell ist auf 300 Exemplare limitiert und kostet im Direktvertrieb CHF 1’120.00 (2018).

Es gibt unterschiedliche Farbtöne bei Bronze-Gehäusen: Unter dem metallurgisch unpräzisen Oberbegriff „Bronze“ werden Legierungen mit mindestens 60% Kupfer zusammengefasst. Uhrenhersteller greifen dabei gerne auf unterschiedliche Legierungen und Oberflächenbehandlungen zurück. Christopher Ward beispielsweise gibt bei der oben gezeigten C60 Trident „Ombré“ als Gehäusematerial Phosphorbronze mit 6% Zinn an (CuSn6), optisch weist das satinierte Gehäuse im Neuzustand dadurch einen leichten Rotton auf.

IWC Aquatimer Chronograph Edition "Expedition Charles Darwin" (Ref.  
IW379503)

Der 2014 vorgestellte IWC Aquatimer Chronograph Edition „Expedition Charles Darwin“ (Ref.
IW379503) im Neuzustand. Listenpreis: CHF 10’400.00 (2018).

Bei IWC findet man mit der stärker polierten Aquatimer Chronograph Edition „Expedition Charles Darwin“ wiederum einen etwas gelberen Farbton vor, Tudor spricht bei der satinierten Black Bay Bronze von einer „Hochleistungslegierung aus Aluminium und Bronze“, womit in der Regel ein Aluminiumgehalt zwischen 5% und 14% verbunden ist. – Aluminiumbronze ist im Vergleich zur Phosphorbronze eher goldgelb und wird aufgrund der hohen Seewasserbeständigkeit für Schiffspropeller verwendet (Edelstahl ist für den kontinuierlichen Einsatz im Salzwasser nicht geeignet).

Nautilo von Anonimo (Ref. 
AM 1001.04.001.A11 ) mit Bronzegehäuse
Das unübersehbar dunkel gewordene Bronze-Gehäuse einer Nautilo von Anonimo (Ref.
AM 1001.04.001.A11) weist vermutlich das Maximum an zu erwartender Kupferpatina auf. Listenpreis: EUR 2’950.00.

Bronze setzt Laufe der Zeit eine Patina an (Kupferpatina): An der Luft und im direkten Hautkontakt (und damit auch Schweiss) wird die Oberfläche der Uhr sukzessive dunkler. Wie stark und schnell das Resultat dieser Oxidation sichtbar wird, hängt dabei auch vom Träger und dessen Verhalten ab (und ob der Hersteller eine Oberflächenbehandlung einsetzt, die einer Verfärbung entgegenwirkt). Das weiter oben gezeigte Modell von Christopher Ward wurde bspw. nach zwei Wochen bereits sichtbar stumpfer, allen voran die Schliesse und Krone, die auch am häufigsten mit der Haut in Kontakt kommen.

Ähnlich wie bei Bronzestatuen, die von abergläubigen Passanten an den selben Stellen immer wieder berührt werden, entwickelt sich so im Laufe der Zeit eine Mischung aus helleren, polierten und dunklen Stellen auf der Gehäuse-Oberfläche. Es gibt dabei mehrere Möglichkeiten, diesen Prozess zu beschleunigen (bspw. ein Tête-à-tête mit einem hart gekochten Ei) oder zu verlangsamen (resp. die Uhr zu reinigen), aber beides wäre ja irgendwie nicht im Sinne des Trends und des Materials. Zu beachten gilt: für die Reinigung der Uhr vielleicht eher mit einem feuchten Tuch beginnen, allzu grobe, scheuernde Putzmittel und Polituren könnten allenfalls das Oberflächenfinish tangieren.

Die Kronenpartie der C60 Trident „Ombré“ von Christopher Ward über einen Zeitraum von drei Wochen (v.l.n.r.).

Zusammengefasst: Der Alterungseffekt am Handgelenk bringt auf der einen Seite eine Menge Individualität, bedeutet aber andrerseits auch, dass eine Bronze-Uhr kaum umgetauscht werden kann, wenn sie einmal den Laden verlassen hat (und das Argument „aber die Uhr sieht gar nicht mehr so aus wie im Schaufenster!“ gilt dann auch nicht). Ebenfalls ist momentan noch nicht abzuschätzen, wie sich Bronze-Uhren langfristig auf dem Gebrauchtmarkt entwickeln, sollte die Nachfrage irgendwann gesättigt, und der Wunsch nach möglichst „frischen“ Uhren steigen. Insofern sollten sich Interessenten vor dem Kauf überlegen, ob sie eher im Einstiegslevel erste Erfahrungen sammeln, oder gleich einen fünfstelligen Betrag einsetzen wollen.

Der Gehäuseboden der 2016 lancierten Tudor Black Bay Bronze (Ref.
M79250BM-0005) ist aus Edelstahl und PVD-beschichtet, um farblich (im Neuzustand) möglichst nahe ans Bronze-Gehäuse zu kommen. Listenpreis: CHF 3’800.00 (2018).

Kupferpatina übernimmt die Funktion einer Schutzschicht und gilt als ungiftig. Der meist falsch verwendete Begriff „Grünspan“ beschreibt einen anderen Prozess (basisches Kupferacetat) und entsteht bspw. in Kontakt mit Essig. Grünspan gilt gemeinhin als „mässig giftig“, die Menge resp. Aufnahme über eine Uhr dürfte aber vernachlässigbar sein. Die grünen Kristalle sind im Vergleich zur Kupferpatina zudem wasserlöslich. Um den direkten Hautkontakt (und damit Verfärbungen auf der Haut) zu minimieren, setzen Uhrenhersteller beim Gehäuseboden deshalb meist auf Edelstahl, bei den Bändern auf Leder oder Stoff. Nichtsdestotrotz dürfte es für Besitzer einer Bronze-Uhr unvermeidlich sein, am Handgelenk grüne Verfärbungen vorzufinden.

Der auf 100 Stück limitierte Zeitmeister Sport Chronograph von Wempe aus dem Jahr 2016 (Ref. WM690007) kommt mit einem Schraubboden aus Titan. Listenpreis EUR 5’975.00 (2017).

Bronze ist etwas schwerer als Edelstahl und kann auch etwas stärker (metallischer) riechen. Dafür ist die Resistenz gegenüber Salzwasser langfristig besser (weshalb Schiffschrauben und Seeventile auch aus Aluminiumbronze gefertigt werden, und nicht aus Stahl). Streng genommen macht es also bedeutend mehr Sinn, eine Taucheruhr mit dem Material zu entwickeln, als eine Fliegeruhr.

Paradigmenwechsel or Fashion Fad?

Unter dem Strich hat die Uhrenindustrie lange ausschliesslich mit Materialien gearbeitet, die – was angesichts des hohen Kaufpreises auch Sinn macht – möglichst lange möglichst „gut“ aussehen und, sollte sich das einmal ändern, bei einer Revision auch wieder einfach aufgefrischt werden können. Bronze ist unter diesem Aspekt also ein klarer Widerspruch, die schützende Kupferpatina gehört zum Metall dazu, und die sichtbare Alterung ist der Witz am Ganzen.

Die auf 2'000 Stück limitierte "Carl Brashear" von Oris (Ref. 01 733 7720 3185-Set LS) wurde 2016 vorgestellt
Die auf 2’000 Stück limitierte „Carl Brashear“ von Oris (Ref. 01 733 7720 3185-Set LS) wurde 2016 mit einem Listenpreis von CHF 2’600.00 vorgestellt und war fast umgehend ausverkauft; ungetragene Modelle werden ab 30% Preisaufschlag gehandelt (2018). Das hier gezeigte Modell am Nato-Band (nicht original) zeigt sichtbare Alterungsspuren. Das Nachfolgemodell von 2018, der Carl Brashear Chronograph (Ref. 01 771 7744 3185-Set LS), ist mit einem Listenpreis von CHF 4’700.00 bereits etwas einfacher zu finden.

Vermutlich ist dieser Paradigmenwechsel vergleichbar mit dem Zeitpunkt, als Jeanshersteller in den 80er-Jahren mit „stone washed“ die Alterung des Stoffes zu beschleunigen begannen. Die beiden wichtigsten Unterschiede bei diesem Vergleich: das Material Bronze wird mit der Patina besser, bei der Jeans verkürzt sich die Lebensdauer. Und noch wichtiger: „Stone Washing“ (resp. zuerst Bleichen des Stoffes) wurde – wie das bei Trends nun mal üblich ist – zuerst von den Trägern praktiziert, und nicht etwa von der Industrie erfunden. Insofern dürfte es, historisch betrachtet, interessant sein zu beobachten, ob sich der in diesem Fall von den Herstellern diktierte Trend langfristig auch am Handgelenk der Endverbraucher halten wird.

Dieser Artikel wurde erstmals im Jahr 2018 veröffentlicht.

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