Taucheruhren-PR: The Worst of

Während es wenige Luxus-Produkte gibt, die so emotional sind wie eine mechanische Uhr, sind die dazu verschickten Pressemeldungen und Produktbeschriebe oftmals wenig begeisternd: Jede zweite Uhrenneuheit „trägt die DNA“ einer weiteren „Ikone der Uhrenindustrie“, und irgendwie scheut sich sowieso die ganze Branche, den Begriff „Uhr“ mehr als einmal im selben Abschnitt zu verwenden. – Ein „Zeitmessgerät“ oder „Zeitmesser“ scheint da offenbar viel mondäner, wie auch jede Uhr „gefertigt“ und nicht einfach „hergestellt“ oder „gemacht“ wird. Kommt dazu noch eine Sonderfunktion für die Fliegerei oder fürs Tauchen, steigt die Chance, dass sich der PR-Redaktor nicht nur im Ton, sondern auch bei den grundsätzlichsten Details verhaut. Eine Top-Ten der häufigsten verbalen Tauchunfälle:

1. Platz: „Den Taucher erinnert die Lünette daran, wann der Sauerstoff zu Neige geht“
Also: Die Lünette zeigt dem Taucher einzig und alleine an, wann der Tauchgang gestartet wurde, respektive wie viel Zeit unter Wasser verbracht wurde. Der an der Flasche angeschlossene Fini- resp. Manometer hingegen zeigt tatsächlich an, wie viel Inhalt in selbiger noch vorhanden ist. Damit zum nächsten Punkt: In einer regulären Pressluftflasche befindet sich ganz normale Luft, davon besteht rund ein Fünftel wie gehabt aus Sauerstoff. Anders sieht es selbstverständlich bei den Sauerstoffflaschen aus, die bei Rebreathern zum Einsatz kommen, aber auch hier besteht keine direkte Verbindung zwischen Uhr und Inhaltsanzeige.

2. Platz: „…damit die einseitig drehbare Lünette nicht unbeabsichtigt einen längeren Luftvorrat anzeigt“
Zwar entspricht diese Inhaltsbeschreibung eher der Praxis, aber erneut wird der Lünette eine Funktion angedichtet, die sie nicht übernimmt: Ein Verstellen der einseitig drehbaren Lünette führt einzig dazu, dass der Taucher angezeigt kriegt, mehr Zeit unter Wasser verbracht zu haben, ergo eher an ein Auftauchen denken sollte. Mehr nicht.

3. Platz: „Eines von vielen Sicherheitsmerkmalen, welche dem Schutz der körperlichen Unversehrtheit des Tauchers dienen“
Keine Ahnung, was die Uhr bei Haiangriffen, Tiefenrausch, Schiffsschrauben, Problemen mit der Luftzufuhr usw. ausrichten kann, aber immerhin sorgt sich der Verfasser dieser Zeilen sichtlich um das körperliche Wohl des Trägers.

4. Platz: „optimale Ablesbarkeit, selbst bei Nacht und bei Tauchgängen in trübem Wasser“
Klingt natürlich gut, aber schliesst man Berufstaucher in Kläranlagen-Becken aus, dürfte kaum ein Gewässer so trüb sein, dass man die eigene Hand vor dem Glas der Taucherbrille nicht mehr sieht. Und kein ziviler Taucher geht in der Dunkelheit freiwillig ohne Taschenlampe runter.

5. Platz: „…verfügt über ein Heliumventil. So wird verhindert, dass das Gehäuse explodiert.“
Solange eine Uhr nicht mit Schwarzpulver befüllt ins Feuer gehalten wird, muss man sich in einer Tauchglocke nicht vor plötzlichen Explosionen am Handgelenk fürchten. Das Glas könnte aber bei entsprechend schwach konstruierten Uhren einfach rausgedrückt werden, oder allenfalls brechen. Mehr Hintergründe zum Thema „Heliumventil“ gibt’s hier.

6. Platz: „Die einseitig drehbare Taucherlünette ist dank ihres griffigen Rands auch mit Handschuhen bedienbar.“
Auch das klingt wünschenswert, hat aber mit der Realität wenig zu tun: Die meisten Freizeittaucher werden ohne Handschuhe ins Wasser gehen. Und wenn die Wassertemperatur Handschuhe verlangt, werden damit auch Reissverschlüsse, Lampen, Fotoapparate, Inflatoren usw. bedient. – Eine Lünette mit dem Hauch einer Riffelung stellt da keine Herausforderung mehr dar, und falls ja, wird der Taucher schon vor dem Tauchgang den ungefähren Startpunkt eingestellt haben, sofern er überhaupt eine Taucheruhr dabei hat.

7. Platz: „Die Krone ist auch mit dicken Handschuhen bedienbar.“
Hoffentlich muss kein Taucher je im Wasser die Krone aufschrauben, noch dazu mit Handschuhen. Selbiges gilt für das Abnehmen der Uhr, während man im Wasser ist: keine gute Idee.

8. Platz: „Ein Teil aus dem Verkaufserlös der Uhr fliesst in die Finanzierung einer…“
Selbstverständlich gut gemeint und in jedem Fall begrüssenswert, aber solange nicht klar kommuniziert wird, wieviel Geld oder Support schlussendlich in diese Massnahme fliesst, bleibt ein Gschmäckle zurück.

9. Platz: „Der Gehäuseboden trägt die Gravur eines klassischen Taucherhelms.“
Natürlich sehen Taucherhelme auch auf einem Gehäuseboden optisch gut aus, aber es handelt sich hierbei wirklich um genau die Tauchdisziplin, die noch nie auf eine Uhr angewiesen war, da aufgrund externer Luftzufuhr der Faktor Zeit eine ganz andere Rolle spielt. Mehr dazu hier.

10. Platz: „Dank der in der Faltschliesse integrierten Verlängerung lässt sich die Uhr auch bequem über einem Trockentauchanzug tragen.“
Keine Faltschliesse dürfte eine entsprechend grosse Verlängerung verfügen, um den zusätzlichen Umfang eines Trockis meistern zu können, vor allem, wenn die Handschuhe mit einem Ringsystem ausgestattet sind.

Und in aller Fairness: mindestens drei der oben erwähnten Punkte haben in den letzten 20 Jahren auch hier immer wieder zu Plattitüden geführt. Als Wiedergutmachung: Mehr über die grundsätzlichen Funktionsweisen und realistische Ansprüche an eine Taucheruhr gibt’s hier.

2 Kommentare

  1. Hab mich köstlich amüsiert und Deine Selbstkritik ist wunderbar ehrlich. Marketingabteilungen sollten Ihre Texte besser mehrmals lesen

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